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„Freche Geschichten waren mir am liebsten“

Die Schweizer Autorin und Kunstvermittlerin Anne-Christine Loschnigg spricht mit ihren Kinderbüchern schwere Themen an, aber auch fröhliche.

 Im Gespräch mit Urs Heinz Aerni

Urs Heinz Aerni: Anne-Christine Loschnigg, von Ihnen liegt ein fröhliches Kinderbuch vor, das von einem pannenreichen Picknicks-Ausflug erzählt. Doch zuvor hatten Sie Kinderbücher veröffentlicht zu Brustkrebs der Mutter und Drogensucht. Wie kam es dazu?

Anne-Christine Loschnigg: Kinderbücher eignen sich gut, heitere aber auch schwierige Themen mit Kindern zu besprechen, da beim Vorlesen ein Gefühl von Geborgenheit und Vertrauen zwischen Erwachsenen und Kindern entstehen kann. Das Buch über Krebs habe ich in Zusammenarbeit mit der Psychologin Judith Alder entwickelt. Sie arbeitet auch mit brustkranken Frauen, die kleine Kinder haben. Die Krebsdiagnose und die damit einhergehenden Veränderungen im Alltag sind für Kinder nicht leicht zu verstehen. Das Kinderbuch soll eine Plattform bieten, das Thema Brustkrebs kindgerecht zu besprechen. Ebenso war es beim Buch «Blumen für Pina», das ich mit dem Suchtberater Otto Schmied entwickelt habe. Dieses Zusammenarbeiten mit den Experten stellte sicher, dass die Themen akkurat thematisiert wurden, die kurzen Texte und heiteren Illustrationen ermöglichen es, das Thema sanft aber verständlich zu vermitteln.

Aerni: Und jetzt geht in Ihrem neuen Buch die fröhliche Post ab…

Loschnigg: Nach diesen anspruchsvollen Themen hatte ich Lust, ein fröhliches Kinderbuch zu erstellen, denn Bilderbücher waren für mich als Kind sehr wichtig. Mir waren freche Geschichten, in denen Kinder Schabernack trieben am liebsten. Bei meinem neuen Buch geht zwar einiges schief, denn jedem Familienmitglied passiert ein Missgeschick. So, wie es im Leben eben ist. Das Buch soll Kindern aber auch den erzählenden Eltern ein Schmunzeln abgewinnen, während sie erkennen, dass es in Ordnung ist, wenn nicht immer alles glatt läuft.

Aerni: Sie studierten in Basel Kunstgeschichte. Und, Sie fanden dann von der Theorie zur eigenen kreativen Tätigkeit. Kann Kunstgeschichte das eigene Schaffen beeinflussen oder vielleicht auch motivieren?

Loschnigg: Kunst ist für mich ein idealer Ausgangspunkt für spannende Gespräche und neue Erkenntnisse. Ich arbeite als Kunstvermittlerin am Kunstmuseum Basel und an der Fondation Beyeler mit Besuchenden aller Altersgruppen und möchte nicht nur einen kunsthistorischen Zugang zu den Werken geben, sondern durch Diskussionen vor den Bildern den Bezug zu unserer Welt herstellen.

Aerni: Kunst aus Themenauslöser quasi?

Loschnigg: Das Werk ist der Ausgangspunkt für die Besprechung, man hört einander zu, diskutiert, bildet sich eine Meinung, gewinnt neue Erkenntnisse. So wird die Auseinandersetzung mit der Kunst zu einer Bereicherung nicht bloß Information zu den Werken. Ich bin immer wieder beeindruckt, was Kinder in den Werken entdecken – sie sind zum Teil wahre kleine Philosophen!

Aerni: Wie würden Sie die Herausforderung beschreiben, den Kindern in ihrer Sprachwelt problematische Sachverhalte wie eben Krankheit oder Sucht verständlich machen zu wollen?

Loschnigg: Wichtig ist, dass die komplexen Themen kindgerecht vermittelt werden. Das heißt, die Sprache muss leicht verständlich sein, die Texte kurz, die Bilder für Kinder ansprechend. Gerade bei schwierigen Themen müssen Kinder spüren, dass sie ernst genommen und unterstützt werden. Dinge sollen beim Namen genannt und erklärt werden, ohne dem Kind Angst einzujagen. Praktische Vorschläge, die das Kind im Alltag umsetzen kann, sollen Unterstützung bieten, mit der Situation klarzukommen. Zum Beispiel baut sich Lulu im Kinderzimmer ein Zelt mit Decken, das sie die «Krebsfreie Zone» nennt. Hier kann sie sich zurückziehen, wenn sie mal nicht an den Krebs der Mutter denken will. Ich denke aber, dass es am wichtigsten ist, «wie» das Buch erzählt wird. Schon die Tatsachte, dass eine Atmosphäre von Verständnis und Zuneigung geschafften wird, um das Buch gemeinsam zu lesen, lässt das Kind spüren, dass es ernst genommen und unterstützt wird.  

Aerni: Im neuen Kinderbuch geht es um einen Familienausflug, es hätte das perfekte Picknick geben sollen. Doch, es kam anders. Was war die Initialzündung zu diesem Buch?

Loschnigg: Viele der lustigen Situation im Buch stammen aus meiner Kindheit oder dem Familienleben mit meinen Söhnen. So hat mein Bruder einmal wild in meine Richtung «geschuttet», als ich ihn geärgert hatte, und sein Stiefel flog in hohem Bogen in den Tinguely Brunnen – von wo ihn meine Mutter herausfischen musste. Unser Hund hat sich mehr als nur einmal am Picknick Korb zu schaffen gemacht und auch die Ameisensituation entstand nach einer wahren Begebenheit.

Aerni: Ja, gewisse Szenen sind auch mir nicht unvertraut…

Loschnigg: Wir alle kennen die Situation, dass wir uns einen Familienausflug idyllisch und harmonisch vorstellen, man freut sich und hat hohe Erwartungen an den Tag, nur kommt dann doch alles anders als erhofft. Das Buch erinnert uns daran, dass das Familienleben chaotisch sein kann und dass es hilft Malheurs mit Humor zu sehen. Missgeschicke passieren uns allen, wichtig ist, dass wir Verständnis füreinander zeigen und wir uns auch mit Ecken und Kanten akzeptieren. Spätestens beim Happy End, als die Familie das Picknick mit einer großen Pizza im Elternbett genießt, wird allen bewusst, dass es trotz allem ein wunderbarer Tag war.

Aerni: Welche Wirkungsmacht sehen Sie im Kinderbuch in der heutigen Zeit für unsere kleinen Zeitgenossen?

Loschnigg: Ich finde Kinderbücher äußerst wichtig, ganz besonders in der heutigen Zeit. Beim Vorlesen in einer geborgenen Umgebung entsteht eine besondere Nähe zwischen Kindern und Bezugspersonen. Diese Atmosphäre von Vertrauen erlaubt es Kindern, sich zu öffnen, nachzufragen oder auch nur gemeinsam zu lachen. Kinder spüren, dass wir in einer anspruchsvollen Zeit leben. Nebst der Schnelllebigkeit im Alltag, den kurzen Aufmerksamkeitsspannen, die uns die Medien diktieren und den bedrückenden Informationen aus aller Welt, sollen Kinder auch eine Umgebung der Ruhe und unbekümmerte Situationen erleben dürfen.

Aerni: Was empfehlen Sie unseren jungen Leserinnen und Lesern?

Loschnigg: Geht hinaus, verbringt Zeit in der Natur miteinander, schafft Raum für Erlebnisse, die zu Erinnerungen werden! Ein Picknick ist der ideale Ausgangspunkt für kleine und große Abenteuer.


Die Bücher:

  • „Das perfekte nicht ganz perfekte Picknick“ von Annes-Christine Loschnigg, 978-3-9525864-4-0, Ars Remata Verlag
  • „Manchmal ist Mama müde – Ein Kinderbuch zum Thema Brustkrebs“ von Anne-Christine Loschnigg und Judith Adler, 978-3-03754-061-9, EMH Schweizerischer Ärzteverlag
  • „Blumen für Pina – Ein Kinderbuch zum Thema Heroinabhängigkeit“ von Anne-Christine Loschnigg, Otto Schmid und Thomas Müller, 978-3-86321-647-4, Mabuse Verlag

Anne-Christine Loschnigg wurde 1967 in Chur geboren. Sie studierte Kunstgeschichte in Basel und ist als Kunstvermittlerin tätig. Sie veröffentliche schon mehrere Kinderbücher.

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