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Josephine Baker: Mehr als Bananenrock und Exotik

Heute vor 120 Jahren, am 3. Juni 1906, wurde Josephine Baker in St. Louis (USA) geboren. Sie war nicht nur der erste schwarze Weltstar des 20. Jahrhunderts, sondern auch Résistance-Kämpferin, Bürgerrechtsaktivistin und eine Frau, die den Rassismus ihrer Zeit mit Charme, Disziplin und politischem Mut bloßstellte. Besonders scharf zeigte sich das in Wien, wo ihr Auftritt 1928 eine Moralpanik auslöste – und zugleich ein Publikumsmagnet wurde.

Als Kind in St. Louis erlebte Baker Armut, Gewalt und Rassentrennung. Ihre frühe Lebenswelt war von Missbrauch, Demütigung und existenzieller Unsicherheit geprägt; schon als Mädchen musste sie für weiße Familien arbeiten. Später erinnerte sie sich daran, in Paris zum ersten Mal erfahren zu haben, wie sich „echte Freiheit“ anfühlt – nicht als abstrakte Idee, sondern als Alltag ohne offenen Rassismus.

„I could go into any restaurant I wanted to, and I could drink water anyplace I wanted to, and I didn’t have to go to a colored toilet either.“

Bereits mit 13 Jahren floh Josephine Baker aus den Verhältnissen ihrer Kindheit und schloss sich einer reisenden schwarzen Theatergruppe an. In den Jahren danach arbeitete sie sich in den Music Halls von Harlem und New York nach oben: zunächst als Kostümschneiderin, dann als Tänzerin mit einem ganz eigenen, komischen und expressiven Stil. Weil sie mit Grimassen, wildem Gestikulieren und perfektem Timing aus der Reihe fiel, wurde sie rasch zum Publikumsliebling. Der entscheidende Wendepunkt kam, als sie nach einem Auftritt angesprochen wurde:

„Eines Abends wartete nach der Show eine Weiße auf mich. Sie war Produzentin und arbeitete an einer Show mit Schwarzen in Paris. Sie wollte mich engagieren.“

Als Baker 1925 nach Paris kam, änderte sich alles. Nicht nur, weil sie in der „Revue Nègre“ zur Sensation wurde, sondern weil sie dort etwas erlebte, das ihr in den USA verweigert worden war: Würde im Alltag. Über ihre ersten Tage in Frankreich sagt sie:

„Nach meiner Ankunft war ich verblüfft darüber, von den Weißen als gleich behandelt zu werden und mich unter sie mischen zu können. Überall empfing man uns mit einem Lächeln. So sah also echte Freiheit aus.“

Baker wurde zur Ikone der années folles („verrückte Jahre“), zur Sensation einer erschöpften europäischen Nachkriegsgesellschaft, die nach Exzess, Tempo und neuen Bildern suchte.

Doch auch in Europa war diese Freiheit nie widerspruchsfrei. Baker wurde gefeiert, aber auch exotisiert, sexualisiert und zur Projektionsfläche weißer Fantasien gemacht. Sie wusste das sehr genau:

Allmählich wurde es mir lästig, eine Kuriosität zu sein.

Der erste schwarze Weltstar zu werden, bedeutete eben auch, ständig beobachtet und gedeutet zu werden: als Verheißung der Moderne, als Skandalfigur, als „Wilde“, als Modeikone. Baker spielte mit diesen Zuschreibungen – aber sie litt auch unter ihnen.

„Negerskandal“ im Johann-Strauß-Theater

Josephine Baker in ihrem legendären Bananenrock-Kostüm (Public Domain)

Nirgendwo in Europa kulminierte diese Spannung stärker als in Wien. Im Februar 1928 sollte Baker zunächst im Ronacher auftreten. Doch noch bevor sie auf die Bühne kam, brach ein Kulturkampf los. Vertreter der Katholischen Kirche organisierten Bußgottesdienste, die Wiener NSDAP forderte ein Auftrittsverbot, und die konservative Presse skandalisierte Baker als Gefahr für Moral und „Wiener Kultur“. Das Ronacher erhielt keine Bewilligung; erst ein Kompromiss ermöglichte ihr ab 1. März 1928 einen sechswöchigen Auftritt im Johann-Strauß-Theater in der Revue „Schwarz auf Weiß“.

Die Sprache der Hetze war offen rassistisch. Die Deutsch-österreichische Tages-Zeitung sprach vom „Negerskandal“, die christlich-soziale Reichspost stilisierte Baker mit ihrem „Bananenschurz“ zur Bedrohung für die Stadt Schuberts, Strauss’ und Beethovens. In der Wiener Paulanerkirche fanden Bußmessen gegen Bakers angebliche „schwere Verstöße gegen die Moral“ statt. Der Medienhistoriker Roman Horak zeigt, dass sich in der Wiener Kampagne mehrere Ängste bündelten: Rassismus, Antimodernismus und die Panik vor „Amerikanisierung“ (Culture Unbound, Volume 5, 2013). Baker wurde nicht nur als Tänzerin bekämpft, sondern als Chiffre für Jazz, Großstadt, weibliche Selbstbestimmung und schwarze Sichtbarkeit.

Josephine Baker selbst hat diese Wiener Episode mit bitterem Witz beschrieben. In der Doku Josephine Baker, Ikone der Befreiung heißt es:

„In Wien beispielsweise warnen alle Glocken der Stadt die Gläubigen vor dieser schwarzen, schamlosen Frau, damit sie sich zu Hause einschließen können. Traktate werden verteilt, in denen zu lesen ist: Möge dieses unmoralische Weib seine verdiente Strafe erhalten. So verkörperte ich ungewollt den Verfall der Sitten, der das brave Österreich bedrohte.“

Die Ironie dieser Geschichte liegt darin, dass die Kampagne ihr Ziel verfehlte. Wien war widersprüchlicher, als Kirche und Hetzblätter es wahrhaben wollten, denn das Publikum strömte ins Johann-Strauß-Theater. Baker tanzte und sang wochenlang vor ausverkauftem Haus (vgl. Ö1-Leporello: „Josephine Baker“-Biografie). Horak verweist sogar darauf, dass die konservative Kampagne der Revue eher zusätzliche Aufmerksamkeit brachte. Die Moralprediger hatten bei ihren Versammlungen volle Hallen – Baker aber auch.

Von der Bühne in die Résistance

Wer Josephine Baker nur auf das Bananenröckchen reduziert, übersieht den größeren Bogen ihres Lebens. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete sie für die französische Résistance, schmuggelte Informationen und stellte ihren Ruhm in den Dienst des antifaschistischen Kampfes. Ihre Motivation formulierte sie selbst glasklar:

„Ich hatte nur noch ein Ziel: meinem Land zu helfen … Frankreich hat mich zu dem gemacht, was ich bin … und ich war bereit, mein Leben für es zu geben.“

Später wurde sie dafür mit hohen französischen Auszeichnungen geehrt. In den USA kämpfte sie gegen die Rassentrennung und trat nur noch vor gemischtem Publikum auf.

Der Regenbogen-Stamm als gelebte Utopie

Nach dem Krieg suchte Baker nicht nur den öffentlichen Kampf gegen Rassismus, sondern auch ein privates Gegenmodell. Auf ihrem Schloss Les Milandes adoptierte sie zwölf Kinder unterschiedlicher Herkunft, Hautfarben und Religionen – aus Asien, Europa, Afrika und Lateinamerika – und nannte diese Familie ihren berühmten „Regenbogen-Stamm“. Damit wollte sie nicht bloß Humanität predigen, sondern im Alltag zeigen, dass Zusammenleben jenseits von „Rasse“, Nation und Konfession möglich ist.

„Ob zu ihrem Glück oder Unglück, Josephine Baker ist immer ihren Instinkten gefolgt. Wenn sie das Gefühl hatte, etwas tun zu müssen, dann tat sie es, ohne an die Folgen zu denken. Einen Regenbogenstamm zu gründen ist ein Traum, eine Utopie. Sie macht es einfach und erklärt damit alle Kinder der Welt zu ihren Kindern. Zeigt, dass Familie vor allem Menschlichkeit bedeutet und Abstammung purer Zufall ist.“ (Simon Njami, Gründer der Revue Noire)

Bürgerrechte und ein Vermächtnis für die Gegenwart

Josephine Baker kehrte immer wieder in die USA zurück, kämpfte gegen Rassentrennung und sprach 1963 beim Marsch auf Washington. Später sagte sie darüber: 

“Bis zum Marsch auf Washington hatte ich bei jeder meiner Reisen in die USA Bauchschmerzen. Zum ersten Mal bin ich mit einem Geschmack von Freiheit nach Frankreich zurückgekehrt. Mein Kampf war richtig. Ich war nach Washington gegangen, um die Fackel an jene weiterzugeben, die mir zuhörten, damit sie die gleichen Chancen haben wie ich, ohne fliehen zu müssen. Jetzt, wo sie mir zugehört hatten, konnte ich in Frieden abreisen.”


Doku-Tipp: Josephine Baker, Ikone der Befreiung (ORF ON, verfügbar bis 11.4.2028)


Text: Michael Wögerer
Titelbild: Josephine Baker, “Speech at the March on Washington”, 1963 (Fair Use Image)

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