Der Widerstand des Geistes
Ein Nachruf auf Edgar Morin von Werner Wintersteiner
Am 29. Mai 2026, knapp vor seinem 105. Geburtstag, ist der große französische Philosoph und Soziologe Edgar Morin verstorben. Seine Philosophie und Methode des „Komplexen Denkens“, sein unermüdliches Engagement für Gerechtigkeit für alle Bewohner:innen des „Heimatlands Erde“, sein visionärer Blick auf das Ganze des Planeten, weit über die Menschenwelt hinaus, sein streitbares, immer gut argumentiertes Eintreten für einen sozial-ökologischen Richtungswechsel – all das hat ihn zu einem der wichtigsten und anerkanntesten Intellektuellen weltweit gemacht. Mit ihm verlieren wir einen Mahner, einen Inspirator und einen Wegweiser. Edgar Morin fehlt uns heute schon.
Ein außerordentlicher Werdegang
Edgar Morin, 1921 als Edgar Nahoum in Paris als Sohn einer Familie sephardischer Juden aus Thessaloniki geboren, schließt sich als junger Mann der Résistance an, wo er den Decknamen Morin annimmt, den er als Pseudonym für seine wissenschaftliche Arbeit behält. Anfangs Mitglied der französischen Kommunistischen Partei, kritisiert er deren stalinistischen Kurs und wird 1951 ausgeschlossen. Seinem politischen Engagement, zunächst gegen den Algerienkrieg und den Kolonialismus insgesamt, bleibt er lebenslang treu. Als Forschungsdirektor am CNRS, einer der bedeutendsten Forschungseinrichtungen Frankreichs, beschäftigt er sich früh mit Film, Fernsehen und Populärkultur – Themen, die damals noch kaum wissenschaftliche Beachtung erfuhren.
Im Austausch mit führenden Intellektuellen und Künstler:innen nicht nur in Frankreich entwickelt er sein herausragendes Ideengebäude, in dem seit den 1960er Jahren die Ökologie einen wesentlichen Platz einnimmt. Zusammengefasst ist all das in seinem sechsbändigen Hauptwerk Die Methode. Ein wesentliches Stichwort darin ist die sogenannte „Auto-Öko-Organisation“ von Systemen, d. h., dass man sowohl die relativ autonome innere Logik von Gesellschaften, Gruppen, Menschen bzw. des Lebens insgesamt berücksichtigen muss als auch deren Abhängigkeit von der jeweiligen Umgebung. Davon ausgehend nimmt Morin den Menschen immer in seiner dreifachen Bestimmung wahr, als Individuum, als Mitglied der Gesellschaft und als Gattungswesen in der Biosphäre. Wenn man die menschliche Natur ignoriert, wie meist die Soziologie, oder alles aus ihr ableiten möchte, wie oft die Psychologie, dann wird man der Komplexität des menschlichen Lebens genauso wenig gerecht wie wenn man die Einbettung des Menschen in die Gesamtheit der Natur beiseitelässt, wie es Technik und Sozialwissenschaften häufig tun. Mehr noch: Morin betont, dass der homo sapiens in Wirklichkeit ein sapiens-demens ist, dass er nicht nur ein vernunftbegabtes Wesen ist, sondern auch mehr als andere Lebewesen zum Wahn und Übermaß neigt – ebenso wie die Vernunft Ausdruck seiner hyperkomplexen mentalen Struktur ist. Das hat Auswirkungen auf Alltag, Politik und Pädagogik.
Einen neuen Weg einschlagen
In zahlreichen Büchern analysiert Morin die Polykrise der Moderne, „eine Krise der technologischen, ökonomischen, industriellen Krise, eine Krise des Paradigmas, das alle Kräfte organisiert und gefördert hat, die nun entfesselt auf den Abgrund zutreiben“. Dieses Paradigma ist für ihn die Vorstellung, dass der Mensch als Herr über die Erde alle Ressourcen und ebenso wie diese seine Mitmenschen rücksichtslos ausbeuten könne, und dass diese Ressourcen unerschöpflich seien. Damit die Menschheit überleben kann, so Morin, müsse sie sich grundlegend verändern, sie müsse eine Metamorphose durchmachen. Selten hat jemand diese heute zumindest von progressiven Kräften anerkannte Einsicht so früh, so gründlich und vor allem im Hinblick auf ihre politischen und kulturellen Implikationen so genau durchgedacht wie er.
Heimatland Erde
In seinem Buch Heimatland Erde (mit Anne-Brigitte Kern, 1993, deutsche Fassung 1999/2023) zieht Morin politische Schlussfolgerungen aus der Polykrise der Moderne. Er verwendet dazu eingängige Metaphern: Wir müssen endlich unsere „irdische Schicksalsgemeinschaft“ anerkennen, um auf globale Krisen mit globaler Solidarität statt einer Rette-sich-wer-kann-Mentalität zu reagieren. Diese Schicksalsgemeinschaft ist gefasst im Bild von der Erde als Heimatland. Es unterstreicht, dass trotz aller Differenzen und Ungleichheiten sowie der schreienden Ungerechtigkeit bei der Aufteilung von Ressourcen und Lebenschancen die Erde als Ganzes unser politisches Handlungsfeld werden muss. Global citizenship nennt man das heute. Doch der Slogan meint noch mehr: Unsere Verbundenheit mit der gesamten Biosphäre muss sich ebenfalls in neuen politischen Strukturen und Verhaltensweisen niederschlagen – eine Einsicht, die sich erst in jüngster Zeit, oft unter dem Stichwort planetary citizenship, Bahn bricht. Erst sehr zögerlich wird diskutiert, ob auch nicht-menschlichem Leben ein Rechtsstatus zustünde. Zugleich leben post-humanistische Phantasien auf, die die Menschheit ohnehin verloren geben.
Dem tritt Edgar Morin mit seinem „kosmischen Optimismus“ (Arno Widmann) entgegen. Er speist sich aus der Einsicht, dass der Lauf der Geschichte nicht vorhersehbar ist, dass das einzig Sichere ist, dass Unerwartetes eintritt. Diese Offenheit gelte es zu nutzen, so der unverbesserliche Humanist. Dabei müssten wir gegen zwei Formen der Barbarei Widerstand leisten, die die Menschheit immer mehr bedrohen: die alte Barbarei, die seit Urzeiten besteht – die Beherrschung und Unterwerfung der anderen, der Hass, die Verachtung, die sich in verschiedenen Formen von Xenophobie, Rassismus usw. ausdrückt, ebenso wie die eiskalte Barbarei der Berechnung und des Profits, die in großen Teilen der Welt die Macht übernommen hat. Er hat diese Haltung nicht nur propagiert, sondern auch durch sein praktisches Engagement unter Beweis gestellt, z.B. durch seine Beteiligung an der Konvivialistischen Bewegung.
Kognitive Demokratie
Wie aber schaffen wir ein Bewusstsein von unserer Lage, wie können wir Veränderungen entwickeln und durchsetzen? Eben nur, wenn wir eine neue Art des Denkens entwickeln, das mit der Komplexität der Wirklichkeit auf Augenhöhe ist; wenn wir die verschiedensten Wissensbereiche miteinander verknüpfen; wenn wir auf gängige Reduktionismen verzichten – wenn wir also, wie Morin es ausdrückt, uns an eine Reform des Denkens wagen. Und mit dieser Reform müsse eine Reform der Bildung Hand in Hand gehen. Auch dazu hat Morin eine ganze Serie von Publikationen vorgelegt, darunter die für die UNESCO verfassten Sieben Fundamente des Wissens für eine Erziehung der Zukunft. Bildung müsse zum ganzheitlichen Denken und Erfassen der Zusammenhänge anregen, sie müsse „Wissen über das Wissen“ vermitteln, über die Rolle des Irrtums und die verschlungenen Wege der Erkenntnis. Sie müsse methodischen Zweifel ebenso lehren wie die Urteilsfähigkeit schulen. Damit könne sich eine „kognitive Demokratie“ als Voraussetzung für eine demokratische Veränderung von unten entwickeln. Denn „nur ein grundsätzliches Bewusstwerden dessen, was wir sind und werden wollen, kann den Wandel der Zivilisation ermöglichen.“
Mitternacht im Jahrhundert
Im Alter von über 101 Jahren hat Morin die Mahnschrift Von Krieg zu Krieg. Von 1940 bis zur Invasion der Ukraine (2023) verfasst. In diesem Buch entwickelt er, ausgehend von seinen Erfahrungen seit dem Zweiten Weltkrieg, eine differenzierte Sichtweise des russisch-ukrainischen Krieges. Er blickt auf die Dynamik früherer Konflikte, um eine entschlossene Friedenskultur einzumahnen. Was ein Kritiker über diesen Essay schreibt, steht auch für sein gesamtes Werk: „Wie Romain Rolland zu seiner Zeit steht Edgar Morin jenseits allen Hasses, um eine Zukunft zu denken, die vom Fluch des Krieges befreit ist. Er fordert uns auf, klar und energisch für einen gerechten und dauerhaften Frieden in Europa zu handeln.“
Noch 2024 erschien sein Buch S’il est minuit dans le siècle (Wenn es Mitternacht ist im Jahrhundert), eine Sammlung von Zeitungsartikeln und Essays, in denen er zu aktuellen Fragen Stellung nimmt. Darin heißt es programmatisch: „Der erste und fundamentalste Widerstand ist der Widerstand des Geistes“. Dieser Gedanke fasst programmatisch das reiche geistige Erbe zusammen, von dem wir noch lange zehren werden.
Edgar Morin war eine weltweit bekannte Persönlichkeit. Zahlreiche Institute und Einrichtungen beschäftigen sich mit der von ihm begründeten Theorie der Komplexität. Im deutschen Sprachraum ist er viel zu wenig bekannt, und es sind auch längst nicht alle seiner Bücher übersetzt. Immerhin hat sein Werk dank der Initiative einiger Österreicher auch hierzulande Anklang gefunden, durch die Herausgabe von Heimatland Erde (Wilfried Graf und Christoph Wulf), von Die Natur der Natur (Band 1 der Methode; Wolfgang Hofkirchner) und Von Krieg zu Krieg (Werner Wintersteiner und Wilfried Graf). 2021 hat das Schlaininger Friedensforschungsinstitut (Gudrun Kramer, Wilfried Graf, Werner Wintersteiner u.a.) die Kampagne „Heimatland Erde“ initiiert, zu der Morin selbst einen Video-Beitrag beigesteuert hat.
Alle, die diesen großen Kämpfer und großen Menschen persönlich gekannt haben, werden sich mit Wärme und Sehnsucht an ihn erinnern. Allen, die seinem Werk begegnen, wird sein visionäres Denken Orientierung, Maßstab und Ermutigung bleiben.
Titelbild: Edgar Morin bei den Dreharbeiten zu „Edgar Morin, Chronique d’un regard“ (commons.wikimedia.org/Lisaetwikipedia; Lizenz: CC BY-SA 4.0)

