Die Jenischen: Anerkennung als Volksgruppe vom Tisch?
Die Jenischen prägen seit Jahrhunderten Europas Geschichte mit eigener Sprache, Kultur und widerständiger Lebensweise.
Von Lise Abid, Wien (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft II/2026)
Sie sind eine transeuropäische Minderheit mit eigener Kultur und einer langen Geschichte, doch in Österreich scheint die von ihnen angestrebte Anerkennung als Volksgruppe derzeit nicht erreichbar zu sein. Im Arbeitsübereinkommen der letzten Bundesregierung war vorgesehen, diese Möglichkeit zu prüfen, doch im aktuellen Regierungsprogramm ist dies nicht mehr enthalten. Immerhin gibt es lokale Lichtblicke, wie den 9. Jenischen Kulturtag, der im September in Innsbruck stattfand. Der Tiroler Landeshauptmann Anton Mattle zeigte durch seine Teilnahme, dass die historische und gegenwärtige Präsenz der Jenischen mit ihrem interessanten Kulturerbe sehr wohl als ein Beitrag zur Tiroler Identität wahrgenommen wird.
Wer sind „die Jenischen“?
Von alters her waren sie als „Fahrende“ bekannt – keine ethnische Minderheit, sondern durch Ausgrenzung und Diskriminierung zu einer sozialen Randgruppe geworden, die halbnomadisch lebte und daraus ihre eigene Kultur entwickelte. Zahlenmäßig sind sie schwer zu erfassen; eigene Schätzungen gehen von rund 500.000 Menschen in ganz Europa aus. In Österreich und fast überall mittlerweile sesshaft, leben sie verstreut; kleinere Gruppen gibt es in Niederösterreich, Salzburg und Kärnten; für Tirol, vor allem das Oberland, sind ihre Präsenz und Lebensweise relativ gut belegt. In manchen Gegenden lässt sich vermuten, dass aufgrund bäuerlicher Erbfolgen jene Söhne bzw. Kinder, die keinen Hof erben konnten oder durch die sogenannte Realverteilung zu kleine Grundstücksanteile erbten, gezwungen waren, als umherziehende Händler:innen, Handwerker oder Kleinkünstler:innen ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Daraus haben sich bemerkenswerte Überlebensstrategien entwickelt.
Die Selbstbezeichnung Jenische bedeutet in etwa „Eingeweihte, Wissende“ – also Insider dieser transnationalen europäischen Minderheit, der sich Menschen von Portugal über West- und Mittel- bis Südeuropa zugehörig fühlen und das mit wachsendem Selbstbewusstsein betonen. Dies obwohl viele Herkunfts- und Familiengeschichten im Dunkeln liegen, hat man es doch oft vorgezogen, über die Jenischen stillschweigend hinwegzusehen oder sie als „Zigeuner“ zu bezeichnen. Letzteres findet sich z. B. in einer alten Chronik der Marktgemeinde Loosdorf in Niederösterreich, wie der freischaffende Künstler Franz Jansky-Winkel feststellte. Nach Loosdorf zugezogen, wirkte er viele Jahre als Lehrer an der dortigen Hauptschule. Selbst nicht jenischer Herkunft, wurde er auf besondere sprachliche Ausdrücke mancher Schüler:innen aufmerksam, deren Familien in Loosdorf, Sitzenthal und Umgebung leben. Nach umfangreichen Nachforschungen veröffentlichte er ein Buch über die Sprache der Jenischen.
Eine Sprache (nicht nur) für Insider:innen

Das Jenische wird oft als Sprachvarietät des Deutschen bezeichnet, da es dessen grammatikalischer Struktur folgt. Die Tiroler Sprachwissenschaftlerin Heidi Schleich ist jedoch überzeugt, dass es sich um eine eigene Sprache handelt, da es von Nicht-Jenisch-Sprechenden nicht verstanden werden kann. Umgekehrt können Jenische aus verschiedenen Ländern untereinander in dieser Sprache kommunizieren, auch wenn es gewisse Unterschiede gibt. Denn das Jenische hat Begriffe aus der Sprache der Roma und dem Jiddischen, aber auch aus romanischen Sprachen entlehnt oder adaptiert. Ähnlichkeiten mit dem als „Gaunersprache“ bezeichneten Rotwelsch rechtfertigen keinesfalls eine Abwertung des Jenischen. Jenischen Schriften zufolge sei die Sprache älter als das in Europa gebräuchliche Romanes und das Rotwelsch; die Quellenlage ist jedoch nicht eindeutig. Etliche jenische Ausdrücke sind in die deutsche Sprache eingeflossen oder als Jugendsprache populär, bis in die Rapperszene hinein.
Das Jenische hat bedeutende Literat:innen hervorgebracht. Der erste österreichische Jenische, der sich öffentlich zu seiner Herkunft bekannte und in der eigenen Sprache schrieb und dichtete, war Romed/Romedius Mungenast (1953–2006). Er setzte sich aktiv dafür ein, dass Geschichte und Kultur der Jenischen nicht in Vergessenheit geraten, aufgearbeitet werden und Anerkennung finden sollten. Für seine Verdienste wurde ihm 2004 die Ehrenprofessur der Universität Innsbruck verliehen, sein umfangreicher Nachlass bildet die Basis für weiterführende Forschungen.
Die Kärntner Schriftstellerin Simone Schönett hat für ihre Werke zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten. Sie studierte Romanistik, Pädagogik und Medienkommunikation. Was ihre Werke thematisieren, geht weit über das Leben der Jenischen hinaus. Sie beobachtet Ausgrenzung und Gewalt in vielen Formen in der Alltagsgesellschaft, mit einer Sensibilität, die sie vielleicht ihrer jenischen Herkunft verdankt. In einer Graphic Novel stellt sie die widerständischen Praktiken Jenischer über Generationen dar, zu finden im Jenischen Archiv. Folgender Ausschnitt ist ein eindrückliches Beispiel, wie Jenische – vor allem die Frauen – sich der Eingliederung und Einberufung in nationalsozialistische Kriegsdienste widersetzten.

„Ich hab‘ das nicht akzeptiert! – Jenische Widerstandspraktiken im Tirol des 20. Jh.“
Unter diesem Titel betreibt die Initiative Minderheiten Tirol ein Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck, mehreren öffentlichen Institutionen und jenischen Vereinen, gefördert von der Kulturabteilung des Landes Tirol und dem Kulturamt der Stadt Innsbruck.
Durch Erfassung von Oral History-Erzählungen und Materialsammlungen hat das Jenische Archiv der IM Tirol (jenisches-archiv.at) eine Vorreiterrolle übernommen. Gut belegt und nachzulesen sind oft tragisch endende Biografien jenischer Deserteure im Zweiten Weltkrieg. Als „Asoziale“ abgestempelt, wurden Jenische in Konzentrationslager verschleppt, Frauen zwangssterilisiert.
Bis in die jüngste Vergangenheit war die Lebenswelt der Jenischen von Diskriminierung und Marginalisierung geprägt; davon erzählt eindrucksvoll Sieglinde Schauer-Glatz in Gedichten und in ihrer vielfältigen kulturellen Arbeit. Sie wurde 1948 in Tirol in eine jenische Familie geboren und im Alter von zwei Monaten in die Obhut einer Pflegemutter übergeben. Damit steht sie stellvertretend für viele Fälle von Kindeswegnahmen – in der Schweiz vor allem durch Pro Juventute. Für all diese Kinder war die spätere Auseinandersetzung mit ihrer wahren Herkunft ein schmerzhafter Prozess, sofern ihre Familien noch auffindbar waren.
Jenische befanden sich auch unter den sogenannten „Schwabenkindern“, Kinder von armen Tiroler, Vorarlberger, Schweizer und Liechtensteiner Bergbauern, die von Beginn der Neuzeit bis ins frühe 20. Jahrhundert ins „Schwabenland“ geschickt wurden, um dort als Hirten, Erntehelfer:innen oder Haushaltshilfen harte Arbeit zu leisten – meist schlecht bezahlt und behandelt, nicht selten missbraucht.
In der Schweiz war es vor allem Albert Minder (1879 – 1965), der in seinem Hauptwerk „Die Korber-Chronik“ sowohl eigene Erinnerungen und Familiengeschichte, die Kultur der nicht-sesshaften „Fahrenden“, als auch das Leben armer Bevölkerungsschichten in Stadt und Land des 19. Jahrhunderts eindrücklich beschreibt – gleichzeitig ein engagierter Vertreter der Arbeiterbewegung.
„Räubergeschichten“ vom „Fahrenden Volk“?
Wie weit die Verfolgung und Ausgrenzung Jenischer zurückreicht, versuchte der Schweizer Schriftsteller, Journalist und Historiker Willi Wottreng durch seinen Beitrag zum 9. Jenischen Kulturtag in Innsbruck 2025 darzustellen. Anhand der Annalen über den Prozess gegen eine sogenannte „Räuberbande“, der 1726 im hessischen Gießen stattfand, erscheint es für den Historiker schlüssig, dass es sich aufgrund ihrer Lebensweise und Sozialisierung zumindest teilweise um Jenische gehandelt haben könnte. Es war wohl eine lose Gruppe kleiner „Gauner“, vielleicht Gelegenheitsdiebe aus Armut, die aufgrund fadenscheiniger Anschuldigungen und ohne besondere Umstände in Betracht zu ziehen, samt und sonders zum Tod verurteilt wurden: Die Hauptbeschuldigten durch grausame Hinrichtungsarten; die übrigen – auch die Frauen – wurden gehenkt.
In der Schweiz sind Jenische seit 2016 als nationale Minderheit anerkannt, was zu einem Gutteil auch Willi Wottreng zu verdanken ist. Der umtriebige Aktivist ist Geschäftsführer der Jenischen Radgenossenschaft der Landstraße, die etwa 30.000 Personen jenischer Herkunft und einige hundert Sinti vertritt. Größtenteils sesshaft, pflegen nur noch etwa 2000–3000 Menschen eine nomadische Lebensweise.
Assimilation oder neues Selbstbewusstsein?
Jenische sind durch ihren Widerstand gegen die Machtstrukturen einer etablierten „Mehrheitsgesellschaft“ als soziale Randgruppe mindestens seit dem späten Mittelalter in einzelnen Aufzeichnungen nachweisbar, Details lassen sich oft nur bruchstückhaft rekonstruieren. Bezeichnungen wie „Laninger“, „Dörcher“, „Korner“ oder „Karrner“ bezogen sich auf ihre semi-nomadische Lebensweise, bei der ein Karren – bestenfalls gezogen von einem Pferd, oft aber von einem Menschen oder einem Hund – Lebensmittelpunkt, Wohn- und Werkraum gleichzeitig war.
Um diese vergessene Kultur in Erinnerung zu rufen, hat Marco Buckovez, Obmann und Mitgründer des Vereins „Jenische in Österreich“ 2024 in Tirol eine kreative Aktion gestartet: Zu Fuß zog er mit einem Handwagen durch Tirol, wie einst seine jenischen Vorfahren – es wurde eine Reise mit intensivem Austausch von Erzählungen und informativen Vorträgen. Abseits von Romantik wurden alte Handwerkstraditionen der Jenischen, wie das Scherenschleifen, Kesselflicken oder Korbflechten vorgestellt, was auf großes Interesse stieß.
Mittlerweile plant jedoch der „Verein zur Anerkennung der Jenischen in Österreich und Europa“ (jenische-oesterreich.at), sich aufzulösen, da der Vereinszweck nicht erfüllt werden konnte. Das bedeutet jedoch nicht, dass Jenische in Österreich ihr teils verschüttetes, teils unterdrücktes oder neu gefundenes Identitätsbewusstsein aufgeben würden. Noch immer gibt es Vorurteile ihnen gegenüber – ein Faktum, das über die Zeit hinweg jenische Familien bewogen hat, sich zu assimilieren und über ihre Herkunft und frühere halbnomadische Lebensweise Stillschweigen zu bewahren. Wie aus der jenischen Community verlautet, kann der Umgang mit der eigenen Kultur, Geschichte und Sprache ein sehr unterschiedlicher sein. Das ist in jedem Fall zu respektieren – neues jenisches Selbstbewusstsein eingeschlossen. Denn längst noch ist der Wert ihres Erfahrungsschatzes nicht in der breiteren, öffentlichen Wahrnehmung angekommen. Hier wartet noch manches an Geschichtsaufarbeitung, Kultur- und Bildungsarbeit.
Lise Abid ist Orientalistin und Journalistin. Bis 2020 war sie Lehrbeauftragte an der Universität Wien.
Titelbild: Jenische Lagerplätze (aus dem Nachlass des Jenischen Dichters Remedius Mungenast/gemeinfrei)

