Montenegro: Milos Erbe
Montenegro ist in den 20 Jahren seiner Unabhängigkeit zu einem multiethnischen Staat geworden und wird wohl bald EU-Mitglied. Gleichzeitig bereitet der radikale Westkurs ein Einfallstor für serbischen Nationalismus. Ein Mosaik in Skizzen.
Von Christoph Baumgarten, Wien (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft III/2026)
Als 2025 Mila Vukčević‘ Dokumentation „Brat“ im öffentlich-rechtlichen Fernsehen TVCG ausgestrahlt wurde, sorgte sie für Aufschrei und Aufatmen in Montenegro. Der Film thematisierte anhand der Erinnerungen von Nihad Borovac, wie die damals jugoslawische Republik Montenegro 1992 Flüchtlinge aus dem Bosnienkrieg nach Bosnien deportierte – in die Hände der Armee der Republika Srpska. Viele wurden ermordet, auch Nihads Bruder Mirsad. Noch nie hatte das öffentlich-rechtliche Fernsehen Montenegros so deutlich die montenegrinische Lebenslüge gezeigt: „Mit dem Krieg in Bosnien und in Kroatien hatten wir nichts zu tun.“
Tatsächlich hatte die Regierung der rumpfjugoslawischen Republik Montenegro relativ schnell nach Kriegsbeginn beschlossen, sich sozusagen neutral zu verhalten. Ab diesem Zeitpunkt schickte Montenegro keine Wehrpflichtigen mehr in den Krieg. Ganz so, dass man nie mit irgendetwas zu tun gehabt hatte, war es auch nicht. Viele erzürnte die gut recherchierte Offenheit von Milas Doku. Viele andere sahen sie als Befreiungsmoment: Endlich konnten auch sie die montenegrinische Lebenslüge offen an- und aussprechen.
Auch wenn die Doku Ereignisse mehr als ein Jahrzehnt vor dem montenegrinischen Unabhängigkeitsreferendum im Mai 2006 zeigt, steht „Brat“ für die komplexe und widersprüchliche Gegenwart in dem kleinen Balkanstaat. Vergleichbare Dokus im serbischen, kosovarischen oder im kroatischen Fernsehen wären undenkbar, ebenso im bosnischen Teilstaat Republika Srpska. Gleichzeitig sah sich Mila als Autorin und Regisseurin massiven Anfeindungen ausgesetzt. Die große Anerkennung kam nur von der sehr wichtigen, aber sehr kleinen oppositionellen Zivilgesellschaft im ehemaligen Jugoslawien: Mila erhielt für „Brat“ den Srđan Aleksić-Preis für Journalismus.
Szenenwechsel. Herceg Novi, September 2025. Nach einem Konzert auf der Festung Forte Mare plaudere ich im Backstage-Bereich mit Journalistenkollegin Katarina. Ihr liegen die politischen Ereignisse der vergangenen Monate schwer im Magen. „Du weißt, wie sehr (Serbiens Präsident Aleksandar, Anm.) Vučić die Serben in Bosnien mit seiner Politik aufwiegelt, und wie sehr (der damalige Präsident des Teilstaats Republika Srpska, Milorad) Dodik von ihm unterstützt wird? Und wie sehr Dodik in Bosnien alles blockiert und kaputtmacht?“ Katarina ist den Tränen nahe: „Bei uns fängt es jetzt auch schon so an. Die wollen aus Montenegro eine Republika Srpska machen.“
Der hohe Preis der relativen Prosperität
„Ethnische“ Spannungen zwischen montenegrinischen und serbischen Nationalisten spielen heute eine größere Rolle als je seit der Unabhängigkeit des Landes. Auch wenn diese Spannungen erst nach und teilweise durch seine Abwahl auftraten, haben sie viel zu tun mit dem Erbe von Milo Đukanović. Montenegros Langzeitpräsident führte das Land 2006 in die Unabhängigkeit und schlug einen radikalen Westkurs ein, inklusive NATO-Mitgliedschaft als Vorleistung für eine spätere EU-Mitgliedschaft. „Man kann über Milo sagen, was man will – und da fällt einem vor allem Korruption ein“, erzählt mein Journalistenfreund Lazar, „aber er hat aus Montenegro ein multiethnisches Land gemacht, das nicht auf Nationalismus basiert. Das ist in dieser Region eine beachtliche Leistung.“

Der Lebensstandard hat sich nach allen verfügbaren internationalen Daten seit der Unabhängigkeit mindestens verdoppelt. Das Image als offenes und tolerantes Land hat geholfen, den Tourismus als Hauptstütze der Nationalwirtschaft auf- und auszubauen.
Montenegro ist neben Slowenien der einzige Nachfolgestaat Jugoslawiens, der zumindest nach der jüngsten Volkszählung ein kleines Bevölkerungsplus zu verzeichnen hatte – nach Jahrzehnten emigrationsbedingter Schrumpfung, wohlgemerkt.

Die Bevölkerung wuchs zwischen 2011 und 2023 um etwa 13.000 Einwohner. Die Zahl der Wohneinheiten einschließlich Hotelzimmern und Ferienwohnungen stieg im gleichen Zeitraum um 100.000 auf gut 400.000 Einheiten – in einem Land mit ca. 600.000 Einwohnern, die in 217.000 Haushalten leben. Das Bevölkerungswachstum konzentriert sich im Wesentlichen auf die Städte Budva, Tivat, Ulcinj und Podgorica. Im Inland sterben Dörfer und Kleinstädte vor sich hin, und die Adriaküste Montenegros wird zunehmend von immer mehr und immer größeren Hotelbauten verschandelt – unter Milo wie unter seinen Nachfolgern. Kein geringer Preis für relative Prosperität.
Einmischung von außen
Auch der multiethnische Charakter des Landes wurde alles andere als billig erkauft. Teile der ethnisch serbischen Minderheit fühlen sich an den Rand gedrängt. So wurde etwa das Kyrillische weitgehend aus dem öffentlichen Leben verdrängt. Das mutet paradox an, ist Kyrillisch doch auch das traditionelle Alphabet der Montenegriner. Unbeantwortet ist bis heute die Frage, was in Montenegro einen Serben und einen Montenegriner unterscheiden soll. Weder Sprache noch Religion tun es. Nicht nur Milo vermied es in seinem Nation-Building-Projekt, eine klare Definition aufzustellen. Im Wesentlichen ist es Eigendefinition. Bezeichnen sich bei der jüngsten Volkszählung etwas mehr als 30 % der Bevölkerung als ethnische Serben, gaben gleichzeitig mehr als 40 % der Befragten an, als Umgangssprache Serbisch zu sprechen. Dessen lokales Idiom ist identisch mit dem, was andere als Montenegrinisch bezeichnen.
Das nützen selbstproklamierte serbischen Parteien, die die Koalition stützen, die Milo und seine Demokratische Partei aus dem Amt drängten. Sie interpretieren etwa den komplexen Streit um die Liegenschaften der serbisch-orthodoxen Kirche im Land als antiserbische Maßnahme. Und sie unterstützten im Vorjahr eine letztlich erfolglose Initiative, konfessionellen Religionsunterricht im Land einzuführen. All das mobilisiert serbische Nationalisten im Land – und soll es, mit gar nicht so heimlicher Unterstützung durch Serbiens Präsident Aleksandar Vučić. Er versucht u. a. mit einem klerikal-nationalistischen Kurs ethnisch-serbische Minderheiten in den Nachbarstaaten Serbiens enger an seine Politik zu binden. Srpski svet heißt das Projekt. Serbische Welt. Zahlreiche internationale Beobachter und Montenegriner, jeglicher ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit, sehen es als Destabilisierungsversuch. Wie schwierig die Situation ist, zeigte ein Streit zwischen serbischer und montenegrinischer Regierung zum Unabhängigkeitstag Montenegros. Serbiens Präsident Aleksandar Vučić weigerte sich, die Feierlichkeiten in Podgorica zu besuchen. Montenegro feiere die Abspaltung von Serbien, und er würde sich selbst ins Gesicht spucken, wenn er zu den glamourösen Feiern ginge, sagte Vučić. Die Außenministerien beider Staaten warfen einander in langen öffentlichen Depeschen gegenseitig vor, die guten nachbarschaftlichen Beziehungen zu untergraben. Sollten sich die politischen Verhältnisse in Serbien nicht grundlegend ändern, wird sich der Konflikt spätestens am 1. Jänner 2028 wiederholen. An diesem Termin hofft die montenegrinische Bevölkerung, der EU beizutreten.
Christoph Baumgarten ist Journalist in Wien und bringt auf seinem Blog balkanstories.net Alltagsreportagen und Hintergrundgeschichten aus dem ehemaligen Jugoslawien.
Titelbild: © Christoph Baumgarten

