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Über Kunst, Krise und die soziale Unsicherheit selbstständiger Künstlerinnen und Künstler in Österreich.
Von Nina Maron
Kunst ist wichtig. Das hören wir immer wieder. Bei Ausstellungseröffnungen, in Sonntagsreden, in kulturpolitischen Stellungnahmen. Kunst sei unverzichtbar für unsere Gesellschaft, für die Demokratie, für die kritische Auseinandersetzung mit der Welt. Kunst dürfe alles, müsse unbequem sein, solle zum Nachdenken anregen.
Nur eines soll sie offenbar nicht: ihren Urheberinnen und Urhebern ein gesichertes Leben ermöglichen.
Wer jetzt weiterlesen möchte, bitte nach unten scrollen. Denn genau dort befinden sich viele Kunstschaffende längst. Ganz unten. Am unteren Ende der Einkommensskala, am unteren Ende der sozialen Absicherung und häufig auch am unteren Ende der politischen Prioritätenliste.
Selbstständig – und selbst schuld?
In Österreich arbeiten zahlreiche Künstlerinnen und Künstler auf eigene Rechnung. Sie malen, schreiben, komponieren, fotografieren, organisieren Ausstellungen, betreiben kleine Galerien, geben Workshops und leisten kulturelle Bildungsarbeit.
Sie sind Unternehmerinnen und Unternehmer. Zumindest dann, wenn es um ihre Pflichten geht: Sie müssen Rechnungen schreiben, Steuern erklären, Sozialversicherungsbeiträge bezahlen, Material kaufen, Ateliers finanzieren und ihre Arbeit vermarkten. Sie tragen das wirtschaftliche Risiko allein.
Was sie nicht haben, ist ein regelmäßiges Einkommen. Ein Bild verkauft sich nicht jeden Monat. Ein Buch schreibt sich nicht nach Dienstplan. Eine Ausstellung bringt nicht automatisch Geld. Und ein politisch unbequemes Kunstwerk findet selten einen finanzkräftigen Sponsor.
Die Miete interessiert das allerdings wenig. Ebenso wenig die Stromrechnung oder die Sozialversicherung. Die Kunstschaffenden sollen gefälligst selbst schauen, wie sie überleben.
Die SVS kennt keine künstlerische Krise
Wer als selbstständig erwerbstätige Person in Österreich der Pflichtversicherung nach dem Gewerblichen Sozialversicherungsgesetz unterliegt, muss Beiträge an die Sozialversicherung der Selbständigen (SVS) entrichten. Dabei geht es um Kranken-, Pensions- und gegebenenfalls Unfallversicherung.
Das Problem ist nicht, dass Künstlerinnen und Künstler versichert sein müssen. Im Gegenteil: Eine solidarische Kranken- und Pensionsversicherung ist eine gesellschaftliche Errungenschaft.
Das Problem ist ein System, das mit unregelmäßigen, oft erschreckend niedrigen Einkommen nur unzureichend umgehen kann. Auch wenn kaum Geld hereinkommt, können Mindestbeiträge anfallen. Vorauszahlungen und spätere Nachbemessungen machen die finanzielle Planung zusätzlich schwierig.
Und wer unter die Kleinunternehmerregelung fällt, ist deshalb noch lange nicht automatisch von Sozialversicherungsbeiträgen befreit. Umsatzsteuerliche Erleichterungen und sozialversicherungsrechtliche Ausnahmen sind zwei unterschiedliche Dinge.
Eine Künstlerin kann also wirtschaftlich ums Überleben kämpfen und gleichzeitig mit Beitragsforderungen konfrontiert sein. Arm genug, um Unterstützung zu brauchen. Selbstständig genug, um das Risiko allein tragen zu müssen.
Kunst ist Arbeit – auch wenn niemand sie bezahlt
Ein Gemälde besteht nicht nur aus Farbe und Leinwand. Dahinter stehen Jahre der Ausbildung, Erfahrung, Recherche, Zweifel, handwerkliche Arbeit und künstlerische Entwicklung. Eine Ausstellung entsteht nicht mit dem Aufhängen der Bilder. Sie braucht Organisation, Transport, Werbung, Gespräche und oft unbezahlte Arbeitsstunden.
Trotzdem hält sich hartnäckig die Vorstellung, Künstlerinnen und Künstler sollten vor allem dankbar sein, ihre Leidenschaft ausleben zu dürfen. Man bezahlt die Druckerei, die Elektrikerin, den Transport, das Catering. Nur bei der Künstlerin fragt man, ob sie ihre Arbeit nicht kostenlos zur Verfügung stellen könnte. Schließlich sei das doch eine wunderbare Gelegenheit, sichtbar zu werden. Von Sichtbarkeit allein wird allerdings niemand satt. Und wer ständig kostenlos arbeitet, subventioniert mit seiner eigenen Armut einen Kulturbetrieb, der sich gerne mit Kreativität und Vielfalt schmückt.
Kleinunternehmer – ein großes Wort für ein kleines Einkommen
Die österreichische Kleinunternehmerregelung sieht seit 2025 grundsätzlich eine Umsatzgrenze von 55.000 Euro vor. Das klingt zunächst großzügig. Doch Umsatz ist nicht Gewinn. Von den Einnahmen müssen Material, Miete, Betriebskosten und andere Ausgaben bezahlt werden.
Bei der Sozialversicherung sieht die Sache anders aus: Für Neue Selbstständige, zu denen viele freiberuflich tätige Kunstschaffende gehören, liegt die Versicherungsgrenze 2026 bei 6.613,20 Euro jährlichen Einkünften. Das entspricht rechnerisch 551,10 Euro im Monat. Wer diese Grenze überschreitet, kann bereits der Pflichtversicherung unterliegen. Bei Gewerbetreibenden gelten andere Regeln; sie können unter bestimmten Voraussetzungen eine Ausnahme beantragen.
551 Euro im Monat. Davon soll man leben? Wohnen? Essen? Vielleicht sogar noch Kunst schaffen?
Natürlich gibt es den Künstler-Sozialversicherungsfonds, der unter bestimmten Voraussetzungen Zuschüsse zu Versicherungsbeiträgen gewährt. Das ist wichtig und notwendig. Aber ein Zuschuss ersetzt keine umfassende soziale Sicherheit. Und wer wenig verdient, muss sich mitunter durch Anträge, Einkommensnachweise und unterschiedliche Zuständigkeiten kämpfen, um Unterstützung zu erhalten. Die Bürokratie ist dabei erstaunlich kreativ. Nur leider nicht auf jene Weise, die man sich von einer Kulturpolitik wünschen würde.
Wenn die Krise zum Dauerzustand wird
Die Inflation hat nicht nur Lebensmittel und Energie verteuert. Auch Leinwände, Farben, Rahmen, Transporte und Atelierräume kosten Geld. Gleichzeitig wird bei Kunst häufig zuerst gespart. Wer selbst ums wirtschaftliche Überleben kämpft, kauft seltener ein Gemälde. Kleine Galerien stehen unter Druck, Ausstellungsräume müssen finanziert werden, und kulturelle Projekte hängen von Förderungen ab, deren Bewilligung oft lange ungewiss bleibt.
Besonders hart trifft das jene, die keine finanziellen Rücklagen, kein Erbe und keine wohlhabende Familie im Hintergrund haben. Denn machen wir uns nichts vor: Auch in der Kunst entscheidet zunehmend die soziale Herkunft darüber, wer es sich leisten kann, Künstler oder Künstlerin zu bleiben.
Wer über Vermögen verfügt, kann Durststrecken überbrücken. Wer keines hat, muss nebenbei arbeiten, seine künstlerische Tätigkeit einschränken oder ganz aufgeben. So entsteht eine Kultur, in der nicht unbedingt die interessantesten, mutigsten oder kritischsten Stimmen überleben, sondern jene, die sich das Überleben leisten können.
Kunst braucht keine Almosen, sondern soziale Rechte
Was wäre also notwendig?
Eine Sozialversicherung, die tatsächlich auf schwankende Einkommen Rücksicht nimmt. Leistbare Beiträge, transparente Regelungen und eine Absicherung, die auch in einkommensschwachen Phasen funktioniert.
Ein Kulturfördersystem, das nicht nur fertige Projekte finanziert, sondern auch die Arbeitszeit der Künstlerinnen und Künstler anerkennt.
Verbindliche faire Honorare bei öffentlich geförderten Veranstaltungen und Ausstellungen.
Und vor allem die politische Einsicht, dass Kunst kein luxuriöses Hobby einiger weniger ist, sondern gesellschaftlich notwendige Arbeit.
Wir reden ständig davon, dass Demokratie kritische Stimmen braucht. Dass Kunst gesellschaftliche Missstände sichtbar macht. Dass Kultur verbindet, hinterfragt und neue Perspektiven eröffnet. Aber was ist diese Wertschätzung wert, wenn jene, die all das leisten, nicht wissen, wie sie ihre Rechnungen bezahlen sollen?
Vielleicht liegt genau darin der größte Widerspruch unserer Kulturpolitik. Wir feiern Künstlerinnen und Künstler, wenn sie erfolgreich sind. Wir schmücken öffentliche Gebäude mit ihren Werken, zitieren ihre Texte und erinnern uns nach ihrem Tod gerne daran, wie mutig und unbequem sie gewesen sind. Zu Lebzeiten sollen sie sich allerdings möglichst selbst finanzieren.
Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der Kunst nur noch von Menschen gemacht werden kann, die genügend Geld besitzen. Ich möchte nicht, dass kritische Kultur zum Privileg der Wohlhabenden wird. Denn Kunst gehört nicht den Reichen. Sie gehört der gesamten Gesellschaft.
Und wer von Kunstschaffenden erwartet, dass sie gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, muss auch bereit sein, gesellschaftliche Verantwortung für sie zu übernehmen.
Kunst ist Arbeit. Kunst braucht soziale Sicherheit. Und wer von der Freiheit der Kunst spricht, darf über die wirtschaftliche Unfreiheit der Kunstschaffenden nicht schweigen.
Wer jetzt noch weiterlesen möchte, muss nicht weiter nach unten scrollen.
Es wäre an der Zeit, wieder gemeinsam nach oben zu kommen.
Quellen und rechtliche Grundlagen (Stand Oktober 2026):
- Sozialversicherung der Selbständigen (SVS)
- Kleinunternehmerregelung ab 2025
- Künstler-Sozialversicherungsfonds
- Künstler-Sozialversicherungsfondsgesetz (RIS)
Titelbild: Nina Maron / KI generiert

