Spurensuche im Lebenslabyrinth
Sonntag ist Büchertag: „Nebel am Hang“ von Thomas Greber
Rezension von Michael Wögerer
„Vielleicht können wir die Welt gar nicht anders wahrnehmen als in Geschichten.“
Mit diesem Zitat des Schriftstellers Peter Stamm stellt Thomas Greber seinem Roman ein Leitmotiv voran, das sich wie ein roter Faden durch das gesamte Werk zieht. „Nebel am Hang“ (Verlag ars remata) ist ein feinfühliger, tiefgründiger und lebensnaher Roman über Vaterschaft, moderne Familienmodelle, Freundschaft und das schrittweise Entwirren wohlgehüter Geheimnisse.
Ein Vater zwischen Alltag, Schreiben und Vergangenheitsrätseln
Im Zentrum der Erzählung steht Daniel Winter, ein Primarlehrer und Autor aus dem Aargau. Er meistert den herausfordernden Spagat des Alltags: Während seine Partnerin Barbara für zwei Jahre als Dozentin für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Genf lehrt, zieht Daniel den gemeinsamen erstklässlerischen Sohn Alessandro unter der Woche größtenteils alleine groß. In den ruhigen Vormittagsstunden arbeitet er am Küchentisch an seinem neuen Roman – dem sogenannten „C-Buch“.
Doch die gewohnte Alltagsroutine wird durch die Turbulenzen im Leben seines besten Freundes Carlo erschüttert. Carlos langjährige Beziehung zur Bibliothekarin Stefanie zerbricht am unerfüllten Kinderwunsch, woraufhin dieser sich in eine mysteriöse Online-Bekanntschaft namens Léa verliebt und kurzfristig nach Südfrankreich aufbricht. Als dann auch noch Stefanies Zwillingsschwester Michelle – eine naturverbundene Architektin, die kurz zuvor ihr Baby Lukas zur Welt gebracht hat – bei einer Wanderung am Lägernhang tödlich verunglückt, gerät das Beziehungsgefüge vollends ins Wanken.
Daniel begibt sich auf eine emotionale Spurensuche. Eine Reise in Michelles Bündner Wohnung im Bergdorf Vals sowie dort aufgetauchte Liebesbriefe werfen drängende Fragen auf: Wer ist der Vater des kleinen Lukas? Was geschah wirklich an jenem schicksalhaften Tag am Lägernhang? Und wie viel Wahrheit verbirgt sich hinter dem Nebel der Erinnerung?
Literarische Raffinesse und atmosphärische Dichte
Thomas Greber versteht es meisterhaft, eine intime und berührende Atmosphäre zu schaffen. Die Erzählung ist größtenteils in Form von persönlichen Notizen verfasst, die Daniel direkt an seinen kleinen Sohn Alessandro richtet. Einen besonderen erzählerischen Kniff setzt der Autor im Mittelteil ein: Während Daniels Familie im Sommerurlaub weilt, übernimmt eine humorvolle auktoriale Erzählerin („Göttin“) das Wort und beleuchtet die Geschehnisse um Carlo und Léa in Südfrankreich aus einer erfrischenden Distanz.
Der Roman besticht zudem durch seine reichhaltigen Anspielungen auf Literatur, Kultur und den Alltag: Von Zitaten und Verweisen auf Ingeborg Bachmann, Max Frisch, Édouard Louis bis hin zu Markus Werners „Am Hang“ („Allein das Zögern ist human“). Auch lebendige Zeitkolorit-Elemente wie die Verfolgung der Fußballspiele des 1. FC Nürnberg und des Servette FC sowie das bunte Treiben der historischen Badenfahrt verleihen der Geschichte eine unverwechselbare Authentizität.
Fazit
„Nebel am Hang“ ist eine leise, aber ungemein berührende Lektüre, die den Lesenden noch lange nach dem Zuklappen beschäftigt. Der Titel steht sinnbildlich für die Schleier über Beziehungsrätseln und ungesagten Wahrheiten, die sich im Laufe der Geschichte behutsam lichten. Thomas Greber zeigt auf humorvolle und zugleich wehmütige Weise, dass der eigentliche Halt des Lebens in den unscheinbaren, gemeinsamen Momenten liegt.
Thomas Greber:
Nebel am Hang.
ars remata, Ennetbaden 2026, 250 Seiten,
ISBN: 978-3-9526200-7-6
Titelbild: Vals im Nebel (Unsere Zeitung / KI generiert)

