Als mein Großvater mich in das „Haus der Heimat“ mitnahm

Erinnerungen von Stefan Kastél

Es ist jetzt sicher schon zehn Jahre her und mein Großvater ist seit fünf Jahren tot, aber ich kann mich noch sehr gut an mein Verhältnis zu ihm und seinem Geschichtsverständnis erinnern.

Gleich zu Beginn muss ich festhalten, dass für mich diese Reflexion nicht einfach ist, weil jener Mann die Großvater-Rolle in Bezug auf seinen Enkel (mich) perfektioniert hatte. Wir standen beide gerne am Fensterbrett, rauchten eine Zigarette nach der anderen und unterhielten uns über Geschichte, Literatur oder Politik. Wir sahen uns gemeinsam Dokumentationen an und noch heute stehen bei mir DVD´s von ihm, weil er meinen Geschmack natürlich genau kannte. Einmal spazierte er eine ganze Stunde in Wien herum, nur um für mich einen ganz bestimmten Brotaufstrich zu besorgen.

Mein Großvater, geboren 1924, war zur Zeit des Nationalsozialismus ein Jugendlicher, Mitglied der NSDAP und wurde später auch bei der Handelsmarine aktiv. Einmal hat er mir erzählt, dass er gerade an Deck seines Schiffes stand, als die Meldung reinkam, dass ein paar japanische Flugzeuge Pearl Harbor angegriffen hatten. Für solche Geschichten liebte ich diesen Mann. Wir sahen uns gemeinsam den Film „Inglourious Basterds“ an. Niemals werde ich seine Meldung vergessen, als die zwei Basterds in den Kinosaal stürmen und Hitler erschießen: „Der ist doch gar nicht so gestorben!“.

Mir war immer klar, welche politische Gesinnung er nach wie vor in sich trug, zumindest in Teilen. Er war sicher kein verborter Alt-Nazi, sonst hätte ich auch niemals Kontakt zu ihm gehabt, aber er wählte seit Jahrzehnten die FPÖ und war Mitglied der SLÖ (Sudetendeutsche Landsmannschaft).

Aufgrund meiner politischen Sozialisation, die natürlich hauptsächlich in meinem Elternhaus stattfand, konnte ich mit den Einstellungen meines Großvaters zu bestimmten Themen, naturgemäß nichts anfangen. Ich war seit jeher sozialdemokratisch eingestellt. „Hauptsache kein Grüner“, pflegte er dann immer zu sagen. Aber schon damals war ich ein Mensch, der gerne den Dialog suchte und mich auf Unterhaltungen einließ, auch wenn ich wusste, dass wir wohl keinen Kompromiss finden würden.

So nahm mich mein Großvater einmal in die Steingasse 25 mit, den Sitz des „Verbands der deutschen altösterreichischen Landsmannschaften in Österreich“, damit ich mir ein Bild dieser Gesinnungsgemeinschaft machen konnte.

Die Tür öffnete sich und wir wurden von einem groß gewachsenen Mann begrüßt. Gerhard Zeihsel (SLÖ-Bundesobmann) stand vor uns. Ich bekam eine kleine Führung durch das Haus und mir wurde erklärt, was der Sinn und Hintergrund dieser Vereinigung sei. Ich kann mich noch sehr gut an das Gefühl erinnern, als ich durch diese Räumlichkeiten schritt. Es war wie bei einer Museumsführung. Ständig hatte ich das Gefühl als würde gleich jemand sagen: „Und hier sehen Sie die Knochen des Velociraptors“, oder so ähnlich. Stattdessen zeigte mir Zeihsel ein paar Stickereien, Tischdecken und Aquarelle, die „von unseren Frauen“ angefertigt wurden.

Die Leute dort waren alle sehr freundlich. Es gab Kekse, Kaffee, Tee und es wurde gelacht. Nachdem ich einige Zeit dort verbracht hatte, bekam ich von Zeihsel eine Einladung. Es ging um eine Reise nach Tschechien, um die Gebiete der Vertriebenen zu besichtigen und den sudetendeutschen-österreichischen Austausch zu pflegen. Ich stimmte zu und irgendwann im Herbst fuhren wir in das ehemalige Sudetenland. Es war eine Gruppe von ungefähr 10 Leuten. Mit dabei ein kleiner, wohlgenährter Herr mit Filzhut und Feder, der unheimlich gerne über Flugzeuge aus dem zweiten Weltkrieg redete. Mit ihm verstand ich mich besonders gut, weil ich mich schon damals für die Fliegerei interessierte. Zwei Jahre später sollte ich dann meinen Segelflugschein machen. Der gleiche freundliche und quirlige Herr gab dann zu späterer Stunde von sich, dass man endlich damit aufhören möge „Juden zu verteidigen“. So schnell kann es gehen.

Die Reise fand übrigens zu jener Zeit statt, als uns die Wien-Wahl 2005 bevorstand und ich mich im Bus über die FPÖ-Plakate lustig machte, beziehungsweise deren Inhalt kritisierte. So schnell konnte ich gar nicht schauen, gab mir mein Großvater mit seinem Ellenbogen einen kleinen Schlag in die Rippen. Das war unmissverständlich.

Während dieser gesamten Reise, den paar Vorträgen und Abendessen, wunderte ich mich immer wieder über eine Sache. Es wurde nur davon gesprochen, dass immer alle anderen böse waren und der Überböse war sowieso Edvard Benes (Benes-Dekrete).

Aus heutiger Sicht und mit einem größeren, politischen Verständnis ist mir klar, dass bei diesem Tschechien-Ausflug bestimmte Dinge gezielt weggelassen wurden, um sich permanent als Opfer zu stilisieren. Das Münchner Abkommen von 1938, Konzentrationslager in den Sudetenländern, Nationalsozialismus ganz allgemein. „Das war natürlich schon auch schlimm“, war dort der O-Ton. Das Umstricken von Geschichte wie es einem gerade ins das Konzept passt, hatte dort Hochkonjunktur. Die Geschichte wurde so aufgearbeitet, als hätte es vor 1945 kein Unrecht von deutscher Seite gegeben und die Vertreibung wurde losgelöst von all den vorhergegangenen Ereignissen betrachtet. Das war mir damals noch nicht klar.

Ein tiefer Atemzug der Erleichterung durchfuhr mich, als wir wieder in Wien ankamen. Danach habe ich das Haus der Heimat nie wieder betreten und die Mitarbeiter von dort, außer bei der Beerdigung meines Großvaters, als sie „Ich hatt´ einen Kameraden“ sangen, nie wieder gesehen.
Fotos: Am 3. Oktober 1938 – unmittelbar nach dem Münchner Abkommen (29./30.9.38) – überschritten Truppen der deutschen Nazi-Wehrmacht die Grenze zur Tschechoslowakei und annektierten weite Gebiete des Nachbarlandes (Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst – Zentralbild – Bild 183, Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE); Gedenktafel für Sudetendeutsche (Archiv der Stadt Linz); Titelbild: Einmarsch in das Sudetenland. Sudetendeutsche Freikorps auf dem Marktplatz zur Begrüßung deutscher Truppen angetreten (Deutsches Bundesarchiv, Sammlung von Repro-Negativen – Bild 146); Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE)

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6 Kommentare

  1. Als Onkel des Schreibers muss ich in aller Deutlichkeit feststellen das mein Vater kein Nazi war sondern bei den sogenannten Sudetendeutschen mitgearbeitet hat. Jemanden aus der Familie so zu verunglimpfen kann nur aus Minderwertigkeitskomplexen entstehen. Der Schreiber dieses Artikels war selbst bei dem Begräbnis meines Vaters bzw. seines Grossvaters dabei. Das das Lied „Ich hatte einen Kameraden“ gesungen wurde ist eine glatte Lüge. Das ganze dann noch mit einem Foto von Nazis zu untermauern ist einfach gesagt schändlich. Wenn der Schreiber nicht mein Neffe wäre würde ich ihn wegen Verleumdung eines Toten anzeigen. Aber es ist nun mal so: Alles oder jeder der anders denkt ist bei gewissen Menschen sofort ein Nazi. Nur Gott sei Dank zieht die Nazikeule schon lange nicht mehr. Ich bitte zuletzt dem Schreiber: Bevor er wieder solch ein Machwerk schreibt,vorher Gehirn und vor allem Herz einschalten.
    Ich nehem an das dieser Kommentar laut den Statute dieser Zeitung veröffentlicht wird da ja jeder seine freie Meinung äussern darf.

  2. Hallo Bruno.

    Als Enkelkind steht es mir frei, gewisse Erinnerungen an meinen Großvater niederzuschreiben, bei denen ich eher Bauchweh bekomme. Nebst all den schönen Erinnerungen, die ich mit ihm verbinde.

    Dass du nicht auf den konkreten Inhalt des Artikels eingehst und wenigstens versuchst nachzuvollziehen, worum es mir eigentlich geht, wundert mich jetzt nicht besonders. Sonst hättest du deine politische Heimat auch nicht dort, wo du sie eben gerade hast.
    Die Sudetendeutschen haben zweifelsfrei eine historische Verbindung zum Nationalsozialismus. Was nicht bedeutet, dass mein Großvater bis zum Ende seines Lebens ein Nazi war.

    Deswegen schreibe ich im Artikel auch explizit, dass er „gewisse Teile“ dieser Gesinnung noch in sich trug. Das habe ich unter anderem geschrieben, weil ich mit ihm diese Reise nach Tschechien gemacht habe und nicht du.

    In Zukunft solltest du dich lieber mit den ganzen Einzelfällen deiner Partei befassen und anerkennen, dass das braune Gedankengut noch immer nicht von der Erde verschwunden ist. Siehe Johannes Hübner erst kürzlich, der von „so genannten Holaucaustüberlebenden“ gesprochenn hat.

  3. Man muß positiv auf die Menschen zugehen, dann wird man auch positive Reaktionen erhalten. Unterstellt man von vorn herein, daß man von einem Menschen wohl enttäuscht wird, so wird einen dieser auch enttäuschen.
    Deswegen weis ich aus eigener Erfahrung das man mit einigen Menschen nicht vernünftig reden kann,sogar wenn sie aus der eigenen Familie kommen.
    Ich akzeptiere und respektiere Meinungen und Weltanschauungen anderer.
    Und das erwarte ich auch von anderen.
    Der Sumpf des Vorurteils kann gewaltige Gegeninformationen verschlingen.
    Aber Du wirst sicher noch dazu lernen.

  4. Wenn der Schreiber nicht dein Neffe wäre und du würdest ihn wegen Verleumdung eines Toten anzeigen, würdest du glatt verlieren Bruno. ;)

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