“Wer laut denkt, ist gefährlich.”

Von der Türkei bis Israel, von China bis Honduras: Hunderte von Schriftstellern sind für ihre Ideen eingesperrt. 

Von Natascia De Franceschi

„Ich habe persönlich Autoren gekannt, die sich dazu entschlossen haben, verbotene Themen aufzugreifen, bloß deswegen, weil sie verboten waren. Ich glaube, ich bin da auch nicht anders. Denn wenn ein anderer Schriftsteller in einem anderen Haus nicht frei ist, dann ist kein Schriftsteller frei. Dies ist tatsächlich der Geist, der die Solidarität durchdringt, die vom P.E.N. International, von den Autoren auf der ganzen Welt gespürt wird.“ – Orhan Pamuk (Träger des Literatur-Nobelpreises 2006)

Jedes Jahr am 15. November begeht der internationale Autorenverband P.E.N. den Welttag des Schriftstellers im Gefängnis,  um weltweit bekannt zu machen, dass Schriftsteller, Journalisten und Blogger wegen ihrer Ideen und Meinungen mit einer rechtswidrigen Inhaftierung bestraft sind. Ziel des „Welttag des Schriftstellers im Gefängnis“ ist es auch über Angriffe und Gewalt zu berichten, die sich auch heute noch in vielen Teilen unseres Planeten der freien Meinungsäußerung unterziehen muss.

In diesem Jahr feierte der österreichische P.E.N.-Club seinen 35. Geburtstag. Jährlich erinnert der Club an eingesperrte und getötete Autoren, die sich für Meinungsfreiheit und für Gerechtigkeit und Freiheit engagierten und noch heute engagieren.

Das Writers-in-Prison-Committee des P.E.N. International wurde 1960 gegründet, als Reaktion auf die bedrohlich wachsende Zahl der Länder, die versuchen, Schriftstellerinnen und Schriftsteller mundtot zu machen. Auch verfolgten Verlegerinnen und Verlegern, Redakteurinnen und Redakteuren, Illustratorinnen und Illustratoren, Journalistinnen und Journalisten nimmt sich das Komitee inzwischen an.

Am 15. November hat P.E.N. im Kunstverein  “Alte Schmiede” im ersten Bezirk, ein Event zu diesem Thema organisiert.

Professor Helmuth A. Niederle (Präsident P.E.N. Austria) hat mit einer bewegenden Rede den Abend eröffnet und noch einmal auf die ungerechte Unterdrückung jener Intellektuellen aufmerksam gemacht.

Weltweit „verrotten Menschen in einschlägigen Staaten unter unwürdigen Bedingungen in Zellen, stehen unter fadenscheinigen Anklagen vor gnadenlosen Richtern; werden bedroht, verfolgt, gedemütigt, geschlagen, gefoltert, vergewaltigt, ermordet. Warum? Weil diese Menschen mit einer Waffe kämpfen, die Diktatoren wie die Pest fürchten – das gesprochene und geschriebene Wort. Weil diese Menschen mit ihren Texten Missstände anprangern, sich nicht von den Schergen der Machthaber einschüchtern lassen, lieber hinter Gitter wandern und ihre Leben riskieren“, sagte Niederle

Im Anschluss Sprachen Mitglieder des österreichischen P.E.N.-Clubs über die als Ehrenmitglieder betreuten Persönlichkeiten, die sich weltweit für die Respektierung der Menschenrechte einsetzen, und lasen Ausschnitte aus deren publizistischen und literarischen Arbeiten vor:

LIU XIAOBO (China, 1955-2017) war ein chinesischer Schriftsteller, Systemkritiker und Menschenrechtler. Liu war Dozent an der Pädagogischen Universität und seit 2003 Präsident des chinesischen P.E.N-Clubs unabhängiger Schriftsteller. Im Dezember 2008 unterstützte er mit 302 anderen Intellektuellen das im Internet veröffentlichte Bürgerrechtsmanifest Charta 08 zum Internationalen Tag der Menschenrechte und wurde wegen „Untergrabung der Staatsgewalt“ festgenommen. Im Juni 2009 wurde offiziell gegen ihn Anklage erhoben. Am 25. Dezember 2009 wurde er zu elf Jahren Haft verurteilt. Am 8. Oktober 2010 gab das Friedensnobelpreiskomitee bekannt, dass ihm der Friedensnobelpreis verliehen wird; die Verleihung fand am 10. Dezember 2010 in Abwesenheit Lius statt. Ab Anfang Dezember 2010 durften bekannte Regimekritiker und ihre Angehörigen die Volksrepublik China nicht verlassen, ihnen wurde die Ausreise verwehrt. Nach Schätzungen von Amnesty International waren von den Ausreiseverboten vor der Preisverleihung bis zum 8. Dezember 2010 ungefähr 200 Personen betroffen. Der Bekanntheitsgrad des Bürgerrechtlers innerhalb Chinas stieg durch die vielfältigen Abwehrmaßnahmen der chinesischen Regierung erheblich.

In einem zurückblickend sehr späten Stadium seines Leberkrebses wurde er am 26. Juni 2017 in ein Krankenhaus eingeliefert, wo er weiter unter strenger Überwachung stand. Dem Todkranken wurde eine Behandlung außerhalb Chinas verwehrt. Er starb am 13. Juli 2017 im Alter von 61 Jahren. Sein Leichnam wurde in Shenyang eingeäschert. Entgegen den chinesischen Gepflogenheiten wurde seine Asche jedoch nicht an Land bestattet, sondern im Beisein seiner Angehörigen im Meer ausgestreut. Freunde Lius vermuten, dass Druck auf die Familie ausgeübt wurde, dieser Art der Bestattung zuzustimmen, um eine mögliche spätere Erinnerungsstätte für Liu von vornherein zu verhindern.


FAIZ AHMAD FAIZ (Pakistan, 1911-1984)

Ab 1951 verbrachte Faiz vier Jahre im Gefängnis, da er im Zusammenhang mit einer erfolglosen Verschwörung gegen Liaquat Ali Khan Mitte 1951 verurteilt wurde. Während dieser Zeit entstanden seine beiden Werke Dast-e-Saba (1953) und Zindanama (1956), die ihn als Lyriker bekannt machten. Faiz war überzeugter Kommunist und benutzte seine Position bei der linksorientierten Pakistan Times, um kommunistische Ideen in Pakistan zu verbreiten. Faiz war Mitglied des Weltfriedensrates und 1959 wurde er Sekretär des Pakistan Arts Council und arbeitete in dieser kulturellen Funktion bis 1962. Im selben Jahr wurde er als erster asiatischer Autor mit dem Lenin-Friedenspreis ausgezeichnet.


ALLAH ABD EL FATTAH (Ägypten)

Sohn des Rechtsanwalts und Menschenrechtsaktivisten Ahmad Seif El-Islam und der Mathematikprofessorin und politischen Aktivistin Leila Soueif. Er hat zwei Schwestern (Mona und Sanaa Seif), die sich ebenfalls politisch engagieren. Vom 30. Oktober 2011 bis zum 25. Dezember 2011 war er unter fragwürdigen Vorwürfen inhaftiert. Die UN-Menschenrechtskommission setzte sich für seine Freilassung ein. Seine Mutter trat in einen Hungerstreik, um gegen seine Inhaftierung zu protestieren. Im Januar 2014 wurde er erneut festgenommen und im Juni desselben Jahres zu 15 Jahren Haft verurteilt. Seine erneute Freilassung erfolgte am 15. September 2014. Am 23. Februar 2015 wurde er wiederum zu 5 Jahren Haft durch ein Gericht in Kairo verurteilt.


FARAJ BAYRAKDAR (Syrien, 1951)

Der 1951 im syrischen Homs geborene Dichter Faraj Bayrakdar war 1977 Herausgeber eines Literaturjournals, das die Arbeiten von jungen syrischen Schriftstellern veröffentlichte. Aufgrund unklarer Anschuldigungen, die wahrscheinlich politisch motiviert waren, wurde er zweimal für kürzere Zeit verhaftet. Daraufhin wurde Bayrakdars Literaturjournal nach nur zwölf Ausgaben eingestellt. 1987 verhaftete das Militär den Autor wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer kommunistischen Vereinigung. Bayrakdar verbrachte nahezu sieben Jahre in Isolationshaft, während der er auch gefoltert wurde. Nachdem er 1993 zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt worden war, wurde Faraj Bayrakdar 2000 im Rahmen einer Amnestie freigelassen. Bei der Memos-Lesereihe „Entfesselte Wörte“ trug er Werke aus seinen drei veröffentlichten Gedichtsammlungen vor.


MARVASH SABET

Lehrerin und Dichterin, sitzt momentan eine 20-jährige Haftstrafe im Evin-Gefängnis in Teheran ab (2016 wurde die Haftstrafe auf 10 Jahre festgesetzt). Sie zählt zu den sieben führenden Vertretern der Bahai-Gemeinde, bekannt als „Yaran-i-Iran“ – „Freunde des Irans“ -, die seit 2008 wegen ihres Glaubens und ihrer Aktivitäten in der Bahai-Gemeinschaft inhaftiert sind. Im Gefängnis begann Mahvash Sabet damit, Gedichte zu schreiben. Eine Anthologie mit „Prison Poems“ wurde in englischer Übersetzung am 1. April 2013 veröffentlicht. Der internationale PEN ruft die iranischen Behörden dazu auf, Mahvash Sabet und alle anderen Schriftsteller, die lediglich wegen der Ausübung ihres Rechts auf Meinungsfreiheit inhaftiert sind, umgehend freizulassen.

Mahvash Sabet ist Ehrenmitglied des Österreichischen PEN. Ihr Buch „Prison Poems“ wird in einer deutschsprachigen Übersetzung für das Jahr 2016 vorbereitet. Die deutsche Ausgabe von Mahvash Sabets Gedichten aus dem Gefängnis wird auf der BuchWien vom Löcker Verlag, der Bahai-Gemeinde und Writers in Prison PEN Austria präsentiert.


MOHAMMAD SADIQ KABUDVAND (Iran, frei seit Mai 2017 – als Ehrengast zur Veranstaltung eingeladen)

Der internationale PEN begrüßt die Freilassung des iranischen Journalisten und Schriftstellers Mohammad Sadiq Kabudvand, der am 12. Mai 2017 entlassen wurde. Er wurde zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt, die als politisch motiviert betrachtet wird. Der PEN fordert weiter die sofortige und bedingungslose Freilassung aller Schriftsteller, Journalisten und Verleger, die im Iran lediglich wegen der friedlichen Ausübung ihres Rechts auf freie Meinungsäußerung inhaftiert sind.


MIRIAM HAGOS (Eritrea)

Mit 50 Jahren und einer Tochter wurde Miriam von eritreischen Eltern in Addis Abeba, Äthiopien, aufgezogen. In den frühen 1970er Jahren zog sie mit einem Abschluss in Handel in die USA und war in einer EPLF-nahen Studentenvereinigung tätig. Sie trat 1977 dem EPLF bei und arbeitete in der Informationsabteilung im EPLF-Gebiet. Miriam wurde während ihrer Befreiungsbewegung aufgrund ihrer Meinung dreimal von der EPLF inhaftiert. Nach der Unabhängigkeit 1991 arbeitete sie in verschiedenen Regierungsabteilungen und war zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung Direktorin der Kinos. Sie wurde am 6. Oktober 2001 inhaftiert, offenbar wegen Verdachts auf Verbindungen zu den inhaftierten Dissidenten. Sie hat Nieren- und Augenprobleme.


MAUNG THURA

(auch »Zargana« = »Pinzette« genannt; *1961 in Rangun/Yangon in Burma/Myanmar) ist ein Comedian, Film- und Fernsehschauspieler sowie Filmregisseur. Er ist seit über 20 Jahren ein Kritiker des Militärregimes in Burma/Myanmar. Seine Seitenhiebe auf das Regime brachten ihn wiederholt ins Gefängnis. Freilassung im Oktober 2011.

Zarganar (Myanmar)
Ein Gedicht von Maung Thura (aus dem Englischen übertragen von Helmuth A. Niederle)

Zu solch einer Zeit wirst du wiederkehren
Mit Reihen von Eisenstäben
können sie mich einsperren
Mit der Hitze von sieben Sonnen
können sie mich grillen
Mit einem Bataillon von Ungeheuern
können sie mich bewachen
Aber nähme ich mein scharlachrotes Blut
und versprühte es über den gesamten Himmelsbogen
schmölzen die Eisenstäbe
knieten die Ungeheuer
Ihre Sonnen vollzögen vor mir den Kotau.

Titelbild: Writers in Prison Day 2017 (youtube.com)

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