Bernhards musikalische Rumpelkammer – Jänner 2018

Das neue Jahr ist nun schon einige Wochen alt und hat musikalisch bereits Spuren hinterlassen. Sei es die Rückkehr einer deutschsprachigen Indie-Rock-Legende, der ungewöhnliche Erfolg einer Deutsch-Punk-Band oder der Siegeszug elektronisch angehauchter Neoklassik: Für das offene Ohr war so einiges dabei. Diese musikalischen Highlights des Januars machen gemeinsam mit den Ankündigungen neuer Alben für den Rest des Jahres stetig Lust auf mehr.

TOP 5

  1. Tiny Moving Parts – Swell
  2. Nils Frahm – All Melody
  3. Hayiti – Montenegro Zero
  4. Feine Sahne Fischfilet – Sturm und Dreck
  5. Calexico – The Thread That Keeps Us

TINY MOVING PARTS stehen ganz in der Tradition des 2000er-Emos. Auf ihrem neuen Album „Swell“ kombiniert das Trio extrem eingängige Melodien, mit verspielten Gitarrenparts, vertrackten Rhythmen und einer schier überbordenden Menge an Emotionalität. Immer an der Grenze zum Kitsch, wird diese stetig umschifft, sodass sich die poppunkigen Nummern bereits beim ersten Durchgang im Gehörgang festsetzten. Stilistisch jederzeit eindeutig zuzuordnen, hebt sich die Band durch ihre schiere Spielfreude dennoch deutlich vom Standard des Genres ab und legt ein frühes Highlight 2018 vor.
Anspieltipp:


NILS FRAHM hat sich vom traditionellen Neo-Klassik-Pianisten im Laufe seiner Karriere extrem weiterentwickelt. Auf seinem neuen Album „All Melody“ erklingen immer wieder warme, zerbrechlich wirkende Minimal-(House)-Beats, die von neoklassischen Instrumentationen und Strukturen gerahmt werden. Große Flächen verweben sich mit intimen Klängen und laden mit geschlossenen Augen zum verträumten Tanzen ein. Damit besetzt der Hamburger seine eigene Genrelücke und steht ganz in der Tradition moderne Künstler wie Nicolas Jaar. Ein wunderschönes Album.
Anspieltipp: 

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HAYITI ist dank YouTube und einem kontinuierlichen Output in den letzten Jahren vom Geheimtipp zu einem der vielversprechendsten Künstlerinnen im deutschsprachigen Hip Hop geworden. Ihr erstes Album „Montenegro Zero“ setzt den Weg ihrer Mixtapes konsequent fort: Minimalistische, trockene Beats zwischen Trap, R’n’B und Pop treffen auf Hayitis sägende Stimme, viel Autotune und inhaltsleere, klischeetriefende Texte. Letzteres stört allerdings kein bisschen, sondern fügt sich in den künstlerischen Gesamteindruck. Spätestens jetzt ist Hayiti die deutsche und bessere Rihanna.
Anspieltipp: 


FEINE SAHNE FISCHFILET spielen Deutschpunk mit Trompeten und entsprechendem Ska-Einfluss. Daneben engagieren sie sich sehr aktiv und offensiv gegen den zunehmenden Rechtsruck in Deutschland. Umso schöner, dass die Band so viele Fans hat. Der zunehmende Pop-Appeal auf „Sturm & Dreck“, dem dritten Album der sechs Jungs aus Mecklenburg-Vorpommern, steht der Musik hervorragend zu Gesicht. Die zwölf Hymnen zwischen politischen Aussagen, albernem Humor und prolliger Attitüde sind alles andere als besonders, aber machen Spaß.
Anspieltipp:


CALEXICO setzen auch in ihrem 22. Bandjahr auf eine Mischung aus Indie Rock und Folk aller Spielarten. „The Thread That Keeps Us“ besitzt Anleihen aus Country, Swing, Blues und Mariachi, wobei auch einige elektronische Elemente zwischen Trompeten und Akustikgitarre aufblitzen. Staubig wie die Wüste, aber nie angestaubt klingt das Album sowohl in seiner Instrumentation als auch besonders im Songwriting gleichzeitig traditionell und modern. Die bewusst scheppernd gehaltene Produktion wirkt stellenweise etwas verschroben, was dem Album einen ganz eigenen Charme verleiht.
Anspieltipp: 


Außerdem:
TOCOTRONIC legen mit „Die Unendlichkeit“ fast schon so etwas wie ein Alterswerk vor – zumindest inhaltlich. Dirk von Lotzow setzt sich in seinen Texten selbstkritisch mit der eigenen Biografie und der seiner Band auseinander und ist dabei so deutlich wie lange nicht mehr. Dennoch wirft die Band mit Metaphern und Sprachbildern um sich. Musikalisch haben die vier Hamburger sich im rockigen, abwechslungsreichen Indie Rock eingefunden, der mit der Musik ihrer Anfangstage quasi nichts mehr gemeinsam hat. Nach den letzten eher enttäuschenden Alben eine beeindruckende Rückkehr.


GREAT COLLAPSE legen mit „Neither Washington Nor Moscow … Again!” ihr zweites Album vor. Die Supergroup um Strike-Anywhere-Frontmann Thomas Barnett und mit (Ex-)Mitgliedern von Rise Against, Set Your Goals und Nations Affire setzt erneut auf sehr melodischen, treibenden Punk mit Hardcore-Einflüssen. Thematisch arbeitet sich die Band an Sexismus, gesellschaftlicher Trennung und fehlendem Aktivismus ab und versucht, ein Zeichen für mehr politisches Engagement zu setzen. Das Rad erfindet dieses Album nicht neu, aber bietet einige eingängige Punk-Hymnen.


NATHAN GRAY, seines Zeichens Frontmann der pausierenden Boysetsfire, veröffentlicht mit „Feral Hymns“ sein erstes Solo-Album. Im Vergleich zu seinen bisherigen Nebenprojekten geht es darauf sehr ruhig und auf den Musiker reduziert zu. Begleitet von Akustik- und E-Gitarre und einigen Gastmusikern gefällt „Feral Hymns“ mit einer sehnsüchtigen Stimmung. Der recht scheppernde und von überzogenem Hall durchsetzte Mix schmälert gemeinsam mit den doch sehr gleichförmig geraten Songstrukturen den guten Eindruck diesen Singer-/Songwriter Albums allerdings etwas.


Bernhard Landkammer schreibt auch für metal1.info. Dort könnt ihr weitere Rezensionen und teilweise ausführlichere Meinungen zu den hier besprochenen Alben lesen.

Bisher:

Titelbild: Bernhard Landkammer/Unsere Zeitung

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