Bernhards musikalische Rumpelkammer – November/Dezember 2017

(c) Hannah Wahl

Das Ende des Jahres steht kurz bevor. Der November hat musikalisch noch einmal richtig Gas gegeben, was allerdings dazu geführt hat, dass im Dezember mit einer Ausnahme keine Alben erschienen sind, die meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben (oder, im Falle von Eminem, von denen ich sehr enttäuscht war). 

Zum Jahresabschluss gibt es daher „nur“ die November-Liste. Bevor das nächste Jahr mit großartigen Neu-Erscheinungen beginnt, folgt im Laufe der nächsten Wochen noch eine Jahres-Bestenliste sowie eine Liste an erst spät entdeckten, aber sehr zu empfehlenden Alben.

TOP 5

  1. Converge – The Dusk In Us
  2. Fjørt – Couleur
  3. Quicksand – Interiors
  4. Electric Wizard – Wizard Bloody Wizard
  5. Unreqvited – Disquiet

CONVERGE präsentieren sich auf ihrem neunten Album „The Dusk In Us“ so facettenreich wie noch nie. Darauf vereinen sie alle Trademarks ihrer bisherigen Diskografie und erzeugen dennoch ein eigenständiges, umwerfendes Stück Musik. Zwischen chaotischem Hardcore und düsteren, post-rockig-sludgeigen Songs legen die vier Musiker aus Boston die emotionale Verletzlichkeit in persönlichen sowie gesellschaftlichen Kämpfen schonungslos offen. Eine weitere Offenbarung aus dem Feld harter, emotionaler Musik – die Band kann einfach nicht enttäuschen.
Anspieltipp:


FJØRT liefern mit „Couleur“ ihr drittes Album ab, das gleichzeitig sperriger und eingängiger sowie ruhiger und härter ist – und das bisher in sich stimmigste Album der drei Aachener. Gerade im Vergleich zu den beiden Vorgängern verzichten die Musiker auf „Couleur“ weitestgehend auf Ausbrüche in schnellere, punkigere Gefilde. Melancholische, eingängige Melodien treffen auf brachiale Wall of Sounds und heftige Schlagzeugattacken, was „Couleur“ trotz seines Mid-Tempo-Charakters eine abwechslungsreiche Dynamik verleiht.
Anspieltipp:


QUICKSAND sind zurück – trotz einer Reunion-Tour 2014 hätte man diesen Satz Anfang des Jahres nicht für sonderlich realistisch erachtet. „Interiors“, das dritte Album der Post-Hardcore-Legenden um Walter Schreifels, knüpft an die Großtaten der Band aus den 90er-Jahren an. Gleichzeitig ist es kein Stillstand und setzt weniger auf krachige, als mehr auf melodische Elemente. Die Intensität wird dabei durchgehend hochgehalten, auch wenn sich einige Längen einschleichen. Die kreative Energie der Band ist allerdings auch nach einer mehr als 20 Jahre andauernden Pause ungebrochen.
Anspieltipp:


ELECTRIC WIZARD sind eine der größten Band der Stoner-Rock-Szene und dennoch immer noch ein Geheimtipp für alle nicht mit diesem Genre bewanderten Menschen. Ihr neues Album „Wizard Bloody Wizard“ ist entsprechend dieser Charakteristik ein wenig unter dem Radar erschienen, steht den kultigen Vorgängern allerdings kaum nach. Wie immer werden dick produzierte Riffs mit Hard-Rock-Leads und bluesrockigen Elementen kombiniert, die von der pathetischen Stimme Jus Oborns begleitet werden. Die im Titel angelegte Verwandtschaft zu Black Sabbath ist zu keinem Zeitpunkt zu leugnen.
Anspieltipp:


UNREQVITED legen mit „Disquiet“ nicht wirklich ein neues Album vor, sondern veröffentlichen ihr Debüt-Album dieses Mal mit der Unterstützung eines Labels neu. Die so erzeugte zusätzliche Aufmerksamkeit ist vollkommen verdient. Im Gewand des Post-Black-Metals erklingen hier zerbrechliche, schon beinahe zuckersüße Harmonien, die vor Melancholie und Schwere beinahe überquellen. Leider wird das Kitschige der Musik viele potenzielle HörerInnen abschrecken, ebenso wie die starke Konkurrenz in diesem Genre – dennoch ein Tipp für alle LiebhaberInnen emotionaler Musik.
Anspieltipp:


Außerdem:

KING GIZZARD & THE LIZARD WIZARD halten Wort und veröffentlichen 2017 ein Album nach dem anderen. Ihre Entscheidung, in Richtung mikrotonaler Musik umzuschwenken und mit diesem Soundgewand zu spielen, setzen sie auf „Polygondwanaland“ fort. Zu großen Teilen spielt sich das Ergebnis im Midtempo ab und wirkt durchgängig schön schräg, was sich in den für westliche Ohren ungewohnten Melodieführungen, aber auch im teils unerwarteten Aufbau der einzelnen Lieder zeigt. Spannende Rockmusik, die von der Band frei zum Download verfügbar gestellt wurde.
Anspieltipp:


ANTI-FLAG veröffentlichen nach „American Spring“ 2017 ihr neues Album „American Fall“ – anstelle von Aufbruch und Hoffnung gilt es nun, Widerstand zu leisten und zu kämpfen. In gerade einmal 30 Minuten liefert die Band eine Mischung aus Rock, Melodic Punk und Skate Punk ab, die immer wieder mit Ska-Ausflügen im Stil von Less Than Jake kombiniert wird. Auch wenn dabei einige Songs etwas arg unspektakulär geraten, können auch 2017 nur wenige Bands Anti-Flag das Wasser reichen, was melodischen, eingängigen Punkrock mit guten politischen Texten betrifft.
Anspieltipp:


GBH, Punk- und Hardcore-Institution aus England, leben seit 1978 sowohl live als auch auf Platte nach dem Motto: Immer weiter, keine Pause. Passenderweise ist ihr neues, mittlerweile bereits zwölftes Album „Momentum“ betitelt. Darauf finden sich, wenig überraschend, räudige Drei-Akkord-Hymnen, immer angepisst, aber auch zunehmend melodisch. Dass dabei einige Einflüsse der Sex Pistols anklingen, ist ebenso wie der stilistische Einschlag ihres Heimatlandes logisch. Immer wieder aufblitzende Rock-’n‘-Roll-Elemente verleihen der Musik einiges an Groove. 
Anspieltipp:


Honorable Mention DEZEMBER 2017:

GLASSJAW haben jahrelang Arbeiten an einem neuen Album angedeutet – dennoch war die Überraschung groß, als Ende November „Material Control“ für den 1. Dezember 2017 angekündigt wurde. Zwischen Post-Hardcore, Alternative und New Metal knüpft die Band dort an, wo sie vor 15 Jahren aufgehört hat – und überzeugt. Verschrobene Melodien, knackige Riffs und Daryl Palumbos charismatische Stimme lassen die frühen 2000er aufleben. Anklänge an Genrekollegen aus dieser Zeit sind unüberhörbar, was „Material Control“ ein wenig aus der Zeit gefallen klingen lässt.
Anspieltipp:


Bernhard Landkammer schreibt auch für metal1.info. Dort könnt ihr weitere Rezensionen und teilweise ausführlichere Meinungen zu den hier besprochenen Alben lesen.

Bisher:

Titelbild: Bernhard Landkammer/Unsere Zeitung

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