UmagoBlues 2015: THEY SOLD THEIR SOULS TO THE DEVIL

Die Hölle wird auf Betriebstemperatur gebracht

Während sich ein Großteil der Besucher noch den Motorrädern widmet, stampfen die vier Mannen von „Blue Point“ aus Zagreb der Maria Himmelfahrts Kirche St. Pellegrinus ihre Bluesstandards entgegen. Kinder sind es, die als erste den verführerischen 12-Taktern verfallen und ihrem Bewegungsdrang freien Lauf lassen.


UmagoBlues19Mit Fortdauer drängen sich immer mehr Gäste auf dem Hauptplatz. Selbst jene, die es ursprünglich vorgezogen hatten einen geruhsamen Abend in einer der etwas weiter entfernteren Buchten der Umager Riviera zu verbringen, strömen nun heran. Unwiderstehlich klang der von den Wellen des Meeres getragene treibende Rhythmus noch deutlich hörbar bis zum etwa 3km entfernten Stella Maris Ressort hinauf, und wie ehemals jenen Klängen des Rattenfängers folgen die Verführten diesen in die Altstadt. Und kaum einer wird es bereut haben, denn was nach den Anheizern von Blue Point folgte, legte den Verdacht nahe den Verführungskünsten des Höllenfürsten höchstpersönlich erlegen zu sein.

Seine Eminenz Ian Siegal

UmagoBlues21Ian Siegal versteht es von der ersten Minute an da er die Bühne betritt das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Und das obwohl die Mehrzahl nur wenig mit seinem Namen etwas anzufangen weiß. Damit kommen wir auch schon der Antwort der eingangs erwähnten Frage betreffs der mangelnden Bewerbung unter dem einschlägigen Fachpublikum näher. Denn was sich hier auf dem Hauptplatz angesammelt hat sind unter einigen wenigen regelmäßigen Stammbesuchern größtenteils ganz gewöhnliche Touristen, die in Umag ihren Badeurlaub mit Abenden in Stranddiscos beim endlosen Abspielen der immer gleichen, aktuellen Sommerhits verbringen – was die Angelegenheit für Künstler eines in den Massenmedien nur marginal behandelten Genres wie des Blues, zur zusätzlichen Herausforderung macht. Dass Ian Siegal diese souverän zu meistern weiß, liegt nicht zuletzt auch daran, dass der 44-jährige Engländer nach einem abgebrochenen Kunststudium in den frühen 90ern nach Berlin ging, um dort als Straßenmusiker für ein paar Kröten, um den damals äußerst prekären Lebensunterhalt zu bestreiten, von der Pike auf gelernt hat, das Publikum zu fesseln.

UmagoBlues23Nicht als stünde er auf einer Bühne vor rund 600 Menschen, sondern als würde er gerade ein Pub betreten haben und dort seine Freunde antreffen, begrüßt Ian mit warmer, sonorer Stimme die Anwesenden. Im Plauderton erzählt er von den Strapazen seiner Anreise, die aber der Intensität seiner Performance keinerlei Abbruch tun werde. Als Beweis hierfür legen Ian Siegal & Band dann auch sogleich temporeich los.

Der Blues als Wurzel aller nachfolgenden Populärmusikrichtungen gebar als seinen wohl ersten selbstständigen Nachkommen den Rock & Roll. Irgendwo dazwischen, nicht klar abgrenzbar, liegt der Country-Blues und mit ihm, im treibenden Rhythmus der über die Schienenfugen ratternden Eisenbahn, eine seiner Spielarten. Und gleich einer den Berg hinauf keuchende Dampflok presst Ian Siegal den Gesang zu „I‘m the train“ aus der Lunge ohne dabei an Wirkung seiner rauen, trockenen Stimme einzubüßen und das über beinah sechs Minuten hinweg mit Ausnahme einer Pause, um dem jungen Gitarristen Dusty Ciggaar Gelegenheit für ein virtuoses Solo zu geben.

Und überhaupt muss dem charismatischen Bandleader – der mitunter auch Soloauftritte pflegt und dabei seine Könnerschaft auf der Gitarre weit mehr in den Vordergrund rückt – trotz seiner einnehmenden Bühnenpräsenz zugutegehalten werden, seinen Bandmitgliedern, die mit einem Durchschnittsalter von 23 Jahren allesamt seine Söhne sein könnten, genügend Raum zu geben, selbst in den Vordergrund zu treten. Schlagzeuger Raphael Schwiddessen und Bassist Danny Van’t Hoff sorgen als kongeniale Rhythmus-Section für die stringente Grundlage und Dusty Ciggaar, der unter Fachjournalisten bereits als Gitarrengott in Wartestellung gehandelt wird, lässt keine der zahlreichen ihm vom Meister gebotenen Gelegenheiten aus, seine Kunstfertigkeit unter Beweis zu stellen.

Nach dieser ersten Nummer zeigen sich selbst die letzten Zweifler überzeugt und die Lokale in den umliegenden Gassen des Hauptplatzes leeren sich vollends, um ihre Gäste hin zu diesem musikalischen Verführer zu entlassen. UmagoBlues31Einige Songs, Gläser Wein und Zigaretten später, wenn bei dem Titel „Kingdom come“ von einer Frau mit den Flügeln eines Engels und dem Blick eines Hais die Rede ist, bleibt jenes am rechten Oberarm Siegal’s tätowierte Vorbild nicht nur sicht-, sondern wird auch hörbar. Der 1976 verstorbene Howlin Wolf verzierte seine kraftvolle, derb wirkende Reibeisenstimme mit Heultönen und prägte damit einen markanten Gesangsstil, den viele Künstler wie Jim Morrison und Rod Stewart zu kopieren versuchten, mangels natürlicher Voraussetzungen aber nie erreichen konnten. UmagoBlues32Ian Siegal hingegen scheint diese Gabe in die Wiege (oder in die Zigarettenpackung) gelegt, so dass trotz hörbarer Ähnlichkeit dessen archaischer Gesang weniger nach Kopie, als nach Ian’s individueller Anlehnung klingt. So wie Siegal überhaupt eine ganze Reihe von Künstlern als Quelle seiner Inspiration nennt, deren aller Bildnis auf dem Körper zu tragen, die Hautoberfläche gar nicht ausreichen würde. Neben dem am linken Oberarm tätowierten Muddy Waters wäre da noch Little Richard, James Brown, der kürzlich verstorbene B.B.King, Jimmy Vaughn, Dr. John sowie Willy Nelson zu nennen. Eben diese Mischung so unterschiedlicher Künstler scheinen für Ian Siegal die Basis zu bilden, auf der er seinen eigenen, ganz persönlichen Stil zu entwickeln vermochte, der sich wiederum durch musikalische Vielseitigkeit auszeichnet und sowohl Spuren von Gospel, Soul und Reggae durchklingen lässt, ohne dabei die Roots des Blues aus den Augen zu verlieren.

UmagoBlues34Nach einer Reihe flotterer Nummern und davon überzeugt das Eis unter den Zuhörern längst gebrochen zu haben schaltet Ian Siegal, auf eine etwas langsamere Gangart um. Mit „Temporary“ präsentiert er eine Country-Blues Ballade und stellt damit auch einen, den Meisten wohl verborgen gebliebenen, Österreich Bezug her. Denn der Linzer Musiker Ripoff Raskolnikov schrieb nicht nur diesen Song, sondern spielte 2013 auch in Ian Siegal’s damaliger Begleitband „The Braindogs“. In Österreich zu sehen und zu hören ist Ian Siegal dieses Jahr übrigens auch noch: Mit Band am 12.09. im Mojo Music Club in Kleinstaatsdorf; solo am 17.09. im Bluesiana in Velden sowie am 25.11. gemeinsam mit Hans Theessink im Wiener Metropol und tags darauf noch einmal auf der Bühne im Hof in St. Pölten.

Und so wie sich das Tempo beim ersten Teil von Nummer zu Nummer gesteigert hatte, nimmt jetzt die Intensität der Balladen zu. „Early Grace“ ist jene von Brad Pitt verkörperte Figur eines Massenmörders in dem Film „Kalifornia“, dessen Trip in den Süden mit den Zeilen „California, where all your dreams come true, your nightmares too“ von Ian Siegal nachgezeichnet wird. Über seine Herangehensweise Songs zu schreiben sagt Ian, er sehe oder höre irgendetwas, das in ihm etwas auslöse. In diesem Fall war es einfach der Name dieses Massenmörders, Early Grace – Frühe Gnade -, der ihn dazu inspiriert hatte. Schon während dieses Songs machte sich unter dem Publikum eine Betroffenheit breit, die wohl nicht dem Text allein, sondern vor allem der Intensität des Vortrages zu verdanken war.

UmagoBlues39Wer nun annimmt, dass diese emotionale Überrumpelung nicht mehr zu steigern wäre, sei eines besseren belehrt. Mit dem Song „Gallo del Cielo“ bringt Siegal eine bitter-traurige Tex-Mex Ballade zutage, die nur allzu sehr Bezug nimmt auf die aktuelle Flüchtlingstragödien der ganzen Welt. Nicht vom abgehobenen Standpunkt der Politik, sondern aus der Sicht eines Betroffenen, mit all dessen Hoffnungen und Enttäuschungen.

Carlos Saragosa verlässt mittellos, nur im Besitz einer Haarlocke seiner Schwester, Mexiko. Unterwegs stiehlt er einen Kampfhahn namens „Gallo del Cielo“ und überquert mit diesem unter dem Arm den Rio Grand nach Texas. Aus San Antonio schreibt er seiner Schwester einen Brief, dass er nunmehr im Besitz von 27$ sei und ihre Haarlocke in Gold gerahmt habe. Abends würde er das ganze Geld auf seinen Hahn setzen, um sodann nach Hause zurückzukehren und das seinem Vater gestohlene Land zurückzukaufen. Der gute Carlos Saragosa gewinnt mehr und mehr Dollars und schreibt seiner Schwester immer wieder denselben Brief. Nur ganz selten gehen im Blues Geschichten gut aus und noch viel seltener in der Wirklichkeit. Natürlich verliert der Hahn eines Tages und damit Carlos sein ganzes Geld. Der letzte Brief, den er seiner Schwester schreibt beinhaltet die Nachricht, dass er den Hahn begraben habe, kein Geld mehr sein eigen nennen könne und auch den Goldrahmen ihrer Locke versetzen musste. Und zu guter Letzt, dass er nie wieder nach Hause zurückkehren werde, um der Familie die Schande zu ersparen, die er mit seinem gebrochenen Versprechen, das Land des Vaters zurückzukaufen, über sie gebracht habe.

Jetzt fühlt selbst der hartgesottenste Biker einen Kloß im Hals und nicht nur unter weiblichen Zuhörern wird so manche zerdrückte Träne in den Augenwinkeln sichtbar. Selbst wer dem Text nicht folgen konnte, wurde von der bitter-traurigen Melodik und der tiefen Emotionalität Ian Siegal’s Gesang mitgerissen, der an einen weiteren der großen Rock- und Bluesmusiker erinnerte. Der 2009 verstorbene und von Siegal unter seinen Vorbildern nicht genannte, aber deutlich hörbare, Willy de Ville, dessen von Latino-Rhythmen, Swamp-Music und bodenständigem Rock beeinflusste Blues-Balladen dieser mit ähnlich rauer, trockener und dreckiger Stimme so tiefschürfend aber nie ins kitschige driftend interpretiert hatte und um nichts weniger als sinnlicher Verführer gehandelt wurde. Spätestens mit der Ballade „Gallo del Cielo“ hatte Siegal die Seelen des Publikums in der Hand.

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Dass man die Menschen aber so nicht in die Nacht entlassen kann, ist einem Profi wie ihm natürlich bewusst, weshalb Ian noch ein paar flottere Nummern nachschob. Nach rund zweieinhalb Stunden ging dieses Konzert zu Ende und wahrscheinlich werde nicht nur ich es als eines der besten und ergreifendsten, die ich je gehört habe, in Erinnerung behalten. Zumindest halte ich als Reminiszenz seine aktuellste CD „One Night in Amsterdam“ in den Händen auf der auch die Highlights dieses Konzertes live zu hören sind, die aber trotz bester Qualität natürlich nie an das wirklich Erlebnis heranreichen können.

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