UmagoBlues 2015: THEY SOLD THEIR SOULS TO THE DEVIL

Rockende Weibsteufel

UmagoBlues59Ganz im Gegensatz zum Publikum blieb der Testosteronüberhang auf der Bühne bis zum Auftritt der kroatischen Bluesrock-Combo „Vervet“ unangetastet und sollte es leider auch danach wieder werden, was aber ebensowenig einer Absicht geschuldet war, wie das Fehlen – bis auf eine Ausnahme, auf die wir noch zu sprechen kommen werden –jener schwarzen Protagonisten, die den Blues als ihre ureigenste Volksmusik zu bezeichnen berechtigt wären.

UmagoBlues60„Vervet“ auf jeden Fall, in der Szene ganz Ex-Jugoslawiens mit einem exzellenten Ruf belegt, heizen mit ihrem Bluesrock ganz im Stile der 70er Jahre die Stimmung auf dem am heutigen Tag von Beginn an gefüllten Hauptplatz gehörig an. Nach den gestrigen Darbietungen wollte es sich wohl niemand nehmen lassen, etwas auch nur in die Nähe des Vorabend Kommenden zu versäumen. Doch was auf „Vervet“ folgte, kam nicht nur in die Nähe, sondern war, wenn auch auf andere Weise, stimmungsmäßig durchaus gleichrangig.

The Gamblers : Blues aus dem Herzen Jugoslawiens

Wie sich die völkerverbindende Wirkung der Musik, und des Blues im speziellen, schon am Vormittag am Beispiel des Duos Jovanovic und Matesic abgezeichnet hat, so findet diese in den „Gamblers“ ihre volle Bestätigung. Bereits 1984 gegründet in Sremska Mitrovica, also noch vor den kriegerischen Auseinandersetzungen, kommen alle Mitglieder der Band aus dieser im Herzen Ex-Jugoslawiens gelegenen Stadt. Im heutigen Serbien, in der Vojvodina ganz nah der kroatischen und der bosnischen Grenze gelegen, leben in dieser Stadt nebst Ungarn, Rumänen, Roma auch Bosnier, Kroaten, Serben und jene sich bis heute explizit als Jugoslawen bezeichnenden Menschen zusammen. Ein Gemisch von Völkern, über deren Existenz als eigenständige – insbesondere was die südslawischen betrifft -, sich Ethnologen und Politiker bis heute nicht einig sind, weshalb auch die Bandmitglieder ihre Herkunft nur mit ihrem Geburtsort Sremska Mitrovica und ohne Angabe einer Nationalität nennen, was gut ist und für sich spricht, auch oder erst recht wenn sich aus dem einen oder anderen Nachnamen die Herkunft sehr wohl ableiten ließe.

Was die Band neben ihrer Vielseitigkeit auszeichnet – vom Swing über den Chicago- zum West Coast- bis hin zum Jumpblues – ist vor allem ihre Spielfreudigkeit. Wenn auch statt einer Menge Trompeten, wie im Balkan Brass üblich, bloß ein Saxophon mit im Spiel ist und auch kaum etwas von der dieser urtypischen Musikform eigenen Melodik zu hören ist, so sind es das Tempo, die Improvisationsfreude und  der spontane Charakter, die von dieser Volksmusik auf den Blues der Gamblers übergesprungen sind und dort ihre Funken schlagen.

Auf jeden Fall ein Höllenspektakel, das wieder weit über Mitternacht hinausgeht (undenkbar so etwas in Österreich auf einem öffentlichen Platz, wie etwa vor dem Stephansdom zu veranstalten) und nicht nur vor der Bühne den ein oder anderen wie von der Tarantel gestochen zu einem Veitstanz hinreißen lässt.

UmagoBlues71Ganz nebenbei sei noch erwähnt, dass weit und breit keine Polizei oder sonstige Sicherheitskräfte sichtbar waren und auch gänzlich überflüssig gewesen wären. Was sich aber dann am Heimweg aufs Gemüt niederzuschlagen beginnt, ist der Blues ob der Gewissheit, dass der letzte Tag dieses ausnehmend friedlichen, und künstlerisch hochwertigen Festivals bereits wieder herannaht.

UmagoBlues72Bayou Side: Delta-Blues aus den Dolomiten

Hörbar ist er nicht, der Höhenunterschied zwischen dem Mississippi-Delta und den Dolomiten. Was aber Bayou Side aus dem südtirolerischen Pustertal von den vorangegangenen Eröffnungsbands unterscheidet, ist die ruhigere und gemächlichere Spielweise mit der sie diesen letzten Abend durchaus passend zur Wehmütigkeit ob des herannahenden Endes des 6. UmagoBlues-Festivals eröffnen. Die elegant arrangierten Songs kommen akustisch instrumentiert und mit mehrstimmigen Gesang umrahmt so puristisch von der Bühne, als lausche man tatsächlich einem Trio irgendwo fernab eines Stromanschlusses an den Ufern des Mississippi.

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Die zum größten Teil Eigenkompositionen orientieren sich am Blues rund um den Mississippi, gewürzt mit einer Prise Jazz und einem Hauch von Country. In der einzigen Interpretation einer Fremdkomposition macht die Virtuosität des Trios auch vor Jimi Hendrix nicht Halt und dabei kann man noch nicht einmal von einer Cover-Version sprechen. Ganz im Stil des Delta-Blues bearbeitet, bleibt „Purple Haze“ zwar doch noch als jene Power-Rock Nummer erkennbar und  wird doch zu einer bisher einzigartigen Version, die allein schon den Kauf deren CD „All I feel“ mehr als rechtfertigt.

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