DAZIBAO V: Reinigungsautomat

ams_Pia SchmiklDas AMS plant eine neue Offensive von Förderungen und Programmen für Erwerbslose. Aber psst, das ist ein Geheimnis.

Der Geruch von Putzmittel knabberte in seine Nasenlöcher. Gedankenblitze, die Aufnahmen von Zahnarztbesuchen zeigten, blendeten ihn. Dieser Geruch passte doch mehr in ein Krankenhaus, als da wo er wirklich war. Ein junger Mann betrat den Warteraum des AMS. Der suchende Ausdruck in den Augen verriet Janosch, dass es sich nur um einen Neuling handeln konnte.

Frischfleisch für den Arbeitsmarkt, dachte Janosch. Ein müdes Lächeln huschte über sein müdes Gesicht. Janosch war Dörrfleisch, der suchende junge Mann war ein Filet. Janosch gehörte schon seit drei Jahren zu dem edlen Klub der Arbeitslosen. Was er sich nach all der langen Zeit wünschte, war ein Sakrileg für jemanden der Beschäftigung suchen sollte. Janosch wollte einen Urlaub am Strand verbringen, ganz klassisch also. Aber ob es das Meer oder nur ein Baggersee war, was sich dann vor seiner Liege ausbreitete, war ihm nicht so wichtig. Hauptsache nicht das Gefühl zu haben, einfach nur zu funktionieren. Janosch Nummer wurde von einer kratzigen Stimme aufgerufen.

Die Begrüßung war ein kurzes Intermezzo. Sie, die Frau hinter dem Schreibtisch, scharrte etwas in ihren Computer. Es kamen die üblichen Fragen, über den letzten Termin den er vermittelt bekommen hatte. Als begabter Prosaautor, war sein Schaffen auf 600 Bewerbungsschreiben angewachsen. Janosch erzählte ganz knapp die kurze Geschichte, über das wenig ertragreiche Gespräch. Warum die Stelle ihm nicht zugesagt habe, wurde er von der Betreuerin gefragt, die nicht vom Computer wegsah. Ein Meisterstück, was alle Bürokraten beherrschten.

„Für den Chef war ich schon zu lange arbeitslos. Bei der vorletzten Stelle war ich zu qualifiziert und zu lange arbeitslos. Bei der Stelle haben sie eine Frau gesucht, es aber nicht in den Unterlagen angegeben. Aber, denen war ich auch schon zu lange ohne Beschäftigung. Aber auch nicht qualifiziert genug. Das war mal was Neues.“

„Ja es ist schwer“, sagte die Frau. „Vor allem wenn man auf die Fünfzig zugeht.“ Janosch räusperte sich. „Ich bin 38“, sagte er knapp.

Jede Farbe wich aus dem Gesicht der Frau. Ihr Mund verformte sich zu einem großen O. Dann tat sie so, als hätte eine Kollegin nach ihr gerufen und verschwand für drei Minuten. Janosch blickte müde in dem kleinen Büro umher. Auf einer Postkarte starrte ihn eine Katze leicht traurig, leicht trotzig an. „Eigentlich wollte ich als Hund wiedergeboren werden.“ Das stand in einer Sprechblase, die von den Lippen der Katze wegführte. Von hinten hörte er die kratzige Stimme der Mitarbeiterin aus einem anderen Büro Fragen fragen, die er nicht verstand. Aber sie kam bald darauf zurück, mit einem Aktenordner in der Hand.

„So, Herr Janosch, wir hätten da ein neues Angebot für Sie. Es betrifft gerade Langzeitarbeitslose wie in ihrem Fall und würde einige Verbesserungen Ihrer Situation bedeuten.“ Aha, das ist der Code für einen weiteren Kurs, dachte Janosch. Behielt aber die Frage für sich, weil er sich die  Überraschung nicht verderben wollte. Die Frau reagierte im nächsten Schritt recht seltsam. Denn sie Räusperte sich verstohlen und schlich auf leisen Sohlen zu ihrer Bürotür. Diese sperrte sie zu, genauso wie die Tür zu ihrem Nachbarbüro. Janosch wurde ganz unwohl. Ging es hier denn noch um einen Kurs?

Die Frau lehnte sich noch einen Moment mit ausgestreckten Armen gegen die Tür und schnaufte, um sich zu beruhigen. „Das Angebot, was ich Ihnen sage, ist, man könnte sagen leicht unorthodox.“

Sie nickte sich selbst zu, um ihrer korrekte Wortwahl zu loben. Janosch verstand, natürlich, noch gar nichts. Aus dem Aktenordner holte sie ein Formular hervor und schob es Janosch über den Tisch zu.

„Was ist das“, fragte er. „Eine Verschwiegenheitsklausel“,  sie hüstelte. Janosch‘ rechte Gesichtshälfte rutschte ein Stück nach unten. „Ich soll eine Klausel unterschreiben?“

Die Frau lies ihren Kopf eine Bewegung machen, was ein Schaukeln und Schütteln sein konnte. Das war schwer zu sagen. Weil eine Auf- und Abwärtsbewegung ebenfalls in den Bewegungsablauf integriert wurde. Janosch wartete auf eine Pointe, ein Lächeln, der leuchtende Schalk in den Augen. Aber seine Betreuerin saß mit einem ernsten Blick da. Ein Fragenhagel begann.

„Ist die Arbeit illegal?“
„Werde ich zu einem Geheimagenten ausgebildet?“
„Weiß Amnesty International etwas davon????“

Die Frau verneinte alles sehr geduldig. Irgendwann gingen Janosch die Fragen aus. Er unterschrieb den Wisch und bereute es hinterher. Die schicken mich doch nicht auf den Strich? Die Neugierde hatte gesiegt, dass musste er zugeben. Deutlich lockerer als zuvor, nahm die AMS-Mitarbeiterin das Dokument an sich. Mit einem breiten Honiggrinsen kam sie aus dem Nachbarbüro zurück.

„So, mit Ihrer Unterschrift können wir nun näher auf dieses Programm eingehen. Es bedeutet für Sie eine deutlichere Verbesserung, was Wohnkosten oder Freizeitgestaltung angeht. Neben all diesen Dingen aber, sticht eine Maßnahme aber ganz besonders heraus. Ich übertreibe nicht, wenn ich diesen Punkt extra betone.“

Janosch hätte lieber gewusst woraus diese Tätigkeit bestand, oder was das für Verbesserungen der Nebenkosten wären. Die Frau hob beide Zeigefinger in die Luft und zuckte verführerisch mit den Augenbraunen. Was Janosch zurück zu seiner Strichertheorie brachte. Die Frau tippte etwas in ihren Computer. Dann drehte sie Janosch den Bildschirm zu und bot ihm einen Keks an. Janosch blinzelte und erkannte seine Akte. „Was soll ich damit“?  Die Frau hob mit einem breiten Grinsen die Arme. „Was Sie wollen. Wollten Sie schon immer Feuerwehrmann sein, na dann tippen Sie mal.“ Janosch war wie gelähmt. Die Augen der Frauen blitzten verdächtig, als wäre ihre Geduld auf eine langwierige Pointe belohnt worden, auf die sie schon lange gelauert hatte. „Ich darf meinen Lebenslauf fälschen“, frage Janosch. Wobei es mehr wie das Röcheln eines Mannes an einem Atemschlauch klang. Die Frau explodierte vor Freude. „Ge-nau“, betonte sie. „Das ist unsere neue Maßnahme für den Arbeitsmarkt. Natürlich hat es seine Grenzen. Astronaut können Sie nicht werden. Außerdem dürfen Sie keine Penisgrößen angeben. Sonst habe ich hier nur noch Astronauten mit Elefantengenitalien hocken.“ Die Frau seufzte kurz.

Janosch war vollkommen paralysiert, um mitzubekommen was als nächstes mit ihm geschah. Aus einer Besenkammer holte die Frau einen Föhn und drückte ihm Janosch in seine schlaffen Hände. Ihr Weg führte die beiden zu einer öffentlichen Toilette. Dort bugsierte die Frau Janosch vor das Waschbecken, das in einem Metallrahmen eingefasst war. Ein Schlüssel öffnete einen Mechanismus und das Waschbecken wurde zur Seite geklappt. Janosch starrte in das Loch vor sich in der Wand. Durch die Metallplatte führte ein Schlauch zu dem Waschbecken. Schön langsam dämmerte es ihm. „Ich soll den Leuten die Hände waschen?“  Die Frau klopfte ihm aufmunternd auf die Schultern.

„Sie hätten es schlimmer, treffen können. Zum Beispiel in einem Laufrad, eines das einen Aufzug im Gebäude der ÖGB antreibt. Sehen Sie, die Politik war gezwungen etwas zu unternehmen. Schlechte Arbeitsmarktstatistiken sind ein Problem. Vordergründig nicht wegen den Arbeitslosen, sondern wegen den Wählerstimmen. Würde rauskommen, wie die Lage wirklich ist. Dann würde nicht die Kacke dampfen, sondern die Barrikaden brennen. Ach schauen Sie doch nicht so traurig. Sie werden sehen, wie schnell die Zeit vergeht. Achten Sie auf ihren Kopf und viel Glück.“

Foto: Pia Schmikl

DAZIBAO – „Satirische Propaganda“ von Max Sternbauer:

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