Der Raabschied fällt leicht

Stefan Raab und Georg Hackl bei der WokWM 2008 in Altenberg

[3K – Massenmedien am Montag: Folge 47]

Stefan Raab und Georg Hackl bei der WokWM 2008 in Altenberg
BJ Schee – Stefan Raab und Georg Hackl bei der WokWM 2008 in Altenberg (CC BY 3.0)

Es gibt Hoffnung für das deutsche Privatfernsehen. Zumindest drängt sich eine Herausforderung auf. Jetzt, da sich Stefan Raab zurückzieht, hat ProSieben endlich wieder Zeit, sich etwas Neues in der Unterhaltung zu überlegen. Doch dies ist kein Kaffeesud, sondern eine Rückschau auf zwanzig Jahre Mediengeschichte.

Der gelernte Fleischer begann bekanntermaßen bei VIVA, wo schräge Typen und schrille Töne in einem Ausmaß vorkamen, das sogar für die 90er ungewöhnlich war. Trotzdem stach Raab hervor. Ihm ist sicher auch zu verdanken, dass er mit dem Start von TV total anarchische Medienkritik in das neue Jahrtausend rettete. Merkwürdige Clips und kuriose Ausschnitte, auf Buttons am Moderationspult hinterlegt. Das hatte was. Die ersten experimentellen Folgen von Willkommen Österreich erinnerten an diese Raabsche Phase. Auch der ESC-Auftritt 2000 imponierte noch, karikierte der Rheinländer doch dieses verkommene Fest überdeutlich. Und er ist unbestritten ein kluger Geschäftsmann, wenn man an die zahlreichen gerade „sportlichen“ Spin-Off-Events denkt (z.B. Wok-WM, Turmspringen, Stock Car Rennen).

Doch davor kam der Maschendrahtzaun. Der war nach dem ersten Mal schon nimmer lustig, außer für das Publikum, das den Kölner Karneval und den Villacher Fasching dominiert. Oliver Kalkofe macht ähnliches, obgleich bei ihm die Film-, Fernseh– und Kulturkritik immer im Vordergrund steht. Bei Raab setzte sich der präpotente Piefke durch. Der arrogante Wessi kletterte auf den Maschendrahtzaun, erhob sich dort über die vermeintlich primitive Schwester (wie den Bruder) aus dem Osten sowie deren Dialekt. Die Opfer blieben als Witzfiguren auch der Nachbarschaft im Gedächtnis, Raab feierte sich immer selber – und verarschte dabei auch gerne AusländerInnen, Dicke und Frauen.

So auch am Samstag bei der letzten Ausgabe von Schlag den Raab, welche vom Medienportal DWDL zu Unrecht gefeiert wurde. In einem Zuspieler hieß es, in 54 Ausgaben der neunjährigen Gameshow seien nur sieben Frauen angetreten (12,96 Prozent aller KandidatInnen, BewerberInnen ausgenommen). Es sei nur fair, dass „Weiber“ (!) getrennt von Männern im Sport kämpfen. Das stimmt für Raab. Schließlich besiegte ihn die Exboxerin Regina Halmich zwei Mal vor Millionenpublika. Bei einem der Showkämpfe brach sie ihm gar die Nase.

Linus Volkmann vom VICE titelte am Donnerstag mit den richtigen Worten zum Raabschied (eine zugegeben tolle Wortschöpfung des Feuilletons): „Aufhören, wenn’s allen zum Hals raushängt (oder halt Jahre später)“.

Vielleicht rettet der Abtritt Raabs ProSieben. Vielleicht geht er wirklich in Pension, weil ihn die Töchter schon für den Gärtner halten. Vielleicht werden ihn auch seine ehemaligen Angestellten auspressen. Das Ganze übertrage man live bei einem fünfstündigen TV total Klassenfünfkampf in den Disziplinen Die Tribute von Dahlem, AK47-Wettschießen, Flüchtlingsfloß, Barrikadenklettern und Stock-Car-vor-der-Steuerfahndung-und-Steineschmeißern-retten. Das wäre echt schön.

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