Eigentum aus dem Markt nehmen – Gespräch mit der Munus-Stiftung

Sechster Teil der siebenteiligen Serie über selbstverwaltete Betriebe in Europa von Christian Kaserer

Wie lässt sich Eigentum in einem kapitalistischen Staat dauerhaft vor der Verwertungslogik des Marktes retten und noch dazu gemeinschaftlich für einen solidarisch-emanzipatorischen Zweck nutzen? Die in Wien ansässige Munus-Stiftung hat sich genau dies zur Aufgabe gemacht. Ein Gespräch mit Lorenz Glatz jun., einem Mitglied des Stiftungsvorstandes.

Was genau tut die Munus-Stiftung?

Lorenz Glatz jun., Stiftungsvorstand der gemeinnützigen Munus Stiftung

Die Munus-Stiftung ist eine Plattform, um Eigentum aus der Verwertung zu nehmen. Nicht irgendwelches Eigentum, sondern Eigentum, das man einem solidarisch-emanzipatorischem Zweck widmen möchte. Eine Stiftung ist was ganz Eigenartiges: Sie hat keinen Eigentümer. Bei uns hat alles einen Eigentümer, selbst ein Kieselstein, aber eine Stiftung nicht. Stiftungen haben einen Zweck. Und das Eigentum der Stiftung muss für diesen Zweck genutzt werden. Stiftungen haben auch einen durchwachsenen Ruf, etwa als Anlagemodell eines Großindustriellen, aber in Österreich gibt es auch eine besondere Form von Stiftungen: Die gemeinnützige Bundesstiftung. Diese braucht einen gemeinnützigen Zweck. In unserem Fall ist dieser Zweck ein solidarisch-emanzipatorischer Zweck, der notwendigerweise auf alles Eigentum der Stiftung anzuwenden ist. Das ist das Interessante: Wenn man etwas hat wie etwa Land, kann man einen Bauernhof diesem Zweck widmen und damit sicherstellen, dass das Land nur auf diese Art und Weise verwendet wird. Ich mag das illustrieren und aus unserer Präambel zitieren: »Der Erdboden, die Sonne, das Wasser und die Luft sind Grundlage und Gemeingut allen Lebens. Achtsamer und nachhaltiger Umgang damit ist grundlegende Aufgabe der Menschheit.  Diese Aufgabe kann nur in sorgsamem Miteinander der Menschen und solidarischer und kooperativer Lebensweise erfüllt werden. Das ist die Voraussetzung eines guten Lebens für alle.  In diesem Sinn betrachten wir unsere Welt als Geschenk und Aufgabe zugleich – als Munus, als den Boden für gutes Leben.« Man könnte eine Spur weitergreifen und sagen, die Stiftung ist der Versuch ein Allmende, ein Common wiedererstehen zu lassen. Man könnte sagen: Den Boden denen, die ihn bebauen.

Wann und weshalb wurde die Stiftung gegründet?

Die Stiftung hat zwei Wurzeln: Die eine ist der Verein Rasenna, der sich mit der Idee einer gemeinnützigen Bundesstiftung beschäftigt hatte. Das zweite Standbein ist, dass die solidarische Landwirtschaft GELA Ochsenherz 2014 das Problem hatte, dass Flächen die sie bewirtschaftet hatte umgewidmet wurden in Bauland. Damit war das Problem natürlich, wie geht man damit um? Wir mussten den Standort übersiedeln an einen Ort, wo es keinen Strom, Kanal und solche Dinge gab. Was macht man da? Gehen wir etwa zu einer Bank und fragen dort um Geld für unser Projekt? Wir haben stattdessen die Leute vom Hof gefragt, ob sie das mit Privatgeld finanzieren könnten mit dem Versprechen, dass das, was sie finanzieren, Gemeinschaftseigentum wird. Wir konnten damit genug Geld sammeln, um diese Übersiedelung zu bewerkstelligen und haben uns dann angefangen zu überlegen, was Gemeinschaftseigentum heißt. Und im März 2019 ist die Munus-Stifung als gemeinnützige Bundesstiftung im entsprechenden Register eingetragen worden. In diesen fünf Jahren

dazwischen haben wir natürlich viel Zeit dafür aufgebracht, entsprechend zu recherchieren und zu planen, dass die Stiftung das werden konnte, was sie jetzt ist: Der Versuch eine Plattform zu haben, die Eigentum solidarisch absichert und von den Menschen verwalten lässt, die dort wirtschaften. Es ist ein tolles Projekt, das die Möglichkeit von Eigentum außerhalb der Marktmechanismen schafft. Die Stiftung eröffnet die Möglichkeit eines kleinen Utopia, wo wir solidarisch aufeinander schauen können, anstatt in Konkurrenz zu treten.

Wie viele seid ihr?

Aktiv in der Stiftung etwa 10 Personen. Wir sind aber dabei uns schnell zu erweitern. Wir haben da offenbar einen Nerv getroffen und führen Gespräche mit mehreren Projekten, die ihr Eigentum konkret in die Stiftung einbringen wollen. Jedes Projekt, das in die Stiftung kommt, erweitert die Stiftung und den Personenkreis, weil alle, die ihr Land stiften, Teil der Stiftung sind und aktiv sein müssen.

Was bedeutet es, das Eigentum abzusichern? Du sprachst davon, dass die Stiftung unter anderem daraus entstand, dass Land umgewidmet wurde. Das kann euch hier doch auch passieren, oder?

Ganz wichtiger Punkt, danke. Die Stiftung darf Eigentum, das sie hat, nicht mehr verkaufen. Was hinein geht, bleibt in der Stiftung und kann dort nicht mehr raus. Es gibt zwei Grenzfälle, wo es eine Ausnahme gibt: Eigentum, das mit Schulden belastet ist. Wenn die Stiftung die Schulden nicht bedienen kann, dann darf sie Teile des Eigentums verkaufen, um die Schulden zu decken. Sobald die Schulden abbezahlt sind, ist der Rest von der Veräußerung ausgeschlossen. Und die Stiftung darf Flächen tauschen. Das hat den Grund darin, dass es Höfe gibt, deren Flächen nicht arrondiert, also zusammenhängend, sondern verstreut sind. Wir können also Flächen tauschen, um zu einer größeren zusammenhängenden Fläche zu kommen. Nur unter der Bedingung aber, dass die Flächen zumindest gleich groß bleiben. Zentral ist, dass die Stiftung Eigentum, das sie hat, nicht wieder hergeben darf. Das meine ich mit absichern. Wenn man Eigentum in die Stiftung einbringt, entzieht man es der Verwertung. Wenn eine Umwidmung stattfindet, darf die Stiftung das nicht zu Geld machen.

Gibt es eine Obergrenze, wie weit ihr wachsen wollt?

Die gibt es bei der Munus-Stiftung nicht. Das hat mit dem österreichischen Stiftungsrecht zu tun. Jede Nutzergemeinschaft muss ja eine Person in den Aufsichtsrat der Stiftung entsenden und Personen die Eigentum in die Stiftung geben, können einen Person entsenden, müssen aber nicht. Das kann natürlich dazu führen, dass es sehr schnell sehr groß wird. Angenommen wir haben 50 Projekte und damit einen Aufsichtsrat mit 50 Personen. Es ist aber so, und da komme ich zum Stiftungsrecht, dass man diesen Teil der Satzung ändern kann. Sollten wir so ein Luxusproblem bekommen, würden wir uns also überlegen, wie wir die Entscheidungsprozesse entsprechend verändern. Die Satzung ist also so ausgelegt, dass sie mit dem Wachstum der Stiftung mitwachsen kann.

Wie tretet ihr mit Menschen in Kontakt? Wie erfahren Menschen, dass es euch gibt?

Noch tun wir das zu wenig, aber trotzdem wissen schon erstaunlich viele von uns. Wir sind im Kontakt mit Menschen, die wir im Laufe der Gründung kennengelernt haben, aber es kommen laufend neue Menschen und Personengruppen hinzu. Zu diesem Zweck überarbeiten wir unsere Homepage und machen bei einer Preisausschreibung mit, um darüber mehr Bekanntheit gewinnen zu können und um stärker auf Symposien und Konferenz präsent sein zu können. Meine Milchmädchenrechnung ist, dass wir in Österreich fast 9 Millionen Menschen haben und davon nehmen wir mal 3 Millionen weg, weil sie zu jung sind oder es andere Gründe gibt, dass sie nichts haben, das sie in die Stiftung geben könnten. Von denen haben zehn Prozent Eigentum, das sind etwa 600.000 und von denen gibt es wohl ein Prozent mit einem weltanschaulich emanzipatorischen Anspruch, den sie verwirklichen wollen. Nach meiner fast schon abstrus einfachen Mildmädchenrechnung sind wir dann bei 6000 potenziellen Projekten in Österreich. Eine Vertausendfachung von dem, was wir aktuell haben. Wir sind nach unserer Satzung transnational, also könnten wir auch internationale Projekte umsetzen. Möglich, wenn vielleicht auch unwahrscheinlich, wäre also noch mehr.

Serie zu selbstverwaltete Betriebe in Europa

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Veranstaltungstipp:

Dienstag, 15. September, 19 Uhr: Buchpräsentation im Cardjin-Haus in Linz (Kapuzinerstraße 49) in Kooperation mit dem guernica Verlag, weltumspannend arbeiten, u.a.

Titelbild: Getreidefeld (pixabay.com; public domain)

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