Uni für alle – ein Konzept, das „Schule machen“ sollte

Von Jeannette Carolin Corell (Pressenza)

„Jeder Mensch, der denken und diskutieren kann, ist in der Lage, zu studieren“ …

… sagt Aaron Lambert, Leiter des Sokrates-Projekts. Das Projekt ist ein gemeinsames Bildungsangebot des Bard College Berlin und der Central European University, das nach einer erfolgreichen Pilotphase in Budapest im Herbst 2021 auch in Wien und hier in Berlin gestartet ist. Das Besondere an dieser Initiative: Die Teilnahme, inklusive aller Materialien, ist kostenlos und es müssen keinerlei Zugangsvoraussetzungen erfüllt werden. Damit legt das Programm Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Vereinten Nationen, der das Recht auf Bildung als Menschenrecht deklariert, ausgesprochen wörtlich aus.

Das Programm wendet sich vor allem an Personen, denen in der Vergangenheit aus persönlichen oder sozialen Gründen Bildungs-Chancen verwehrt wurden. Auf der Website des Budapester Projekts heißt es zum Beispiel: Ein krankes Kind, mangelndes Selbstvertrauen oder die Notwendigkeit, Geld für die Familie zu verdienen – die Hürden auf dem Bildungsweg können zahlreich sein. Viele der Teilnehmenden dachten bisher, dass ein akademisches Umfeld für sie unerreichbar sei und dass sie diese Anforderungen nie erfüllen könnten, … um dann festzustellen, dass es ihnen hingegen sehr gut gelingt.

 

 
 
 
 
 
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Die Themen umspannen die Geistes- und Sozialwissenschaften nach dem Ansatz der Liberal Arts, die auch am Bard College Berlin gelehrt werden. Dabei wird breit angelegtes, interdisziplinäres wissenschaftliches Grundlagenwissen in einem Kontext vermittelt, bei dem Wertefragen im Mittelpunkt stehen.

Warum Sokrates?

Das Projekt wurde nach dem griechischen Philosophen Sokrates benannt, weil dieser bereits im 5. Jahrhundert vor Christus eine neue Lehrmethode einführte. Sokrates war überzeugt, dass jeder Mensch Wahrheit und Erkenntnis bereits in sich trage und dies durch geschicktes Fragen und Antworten nur ins Bewusstsein befördert werden müsse. Also trug er seine Lehren nicht einfach vor, sondern diskutierte sie mit den Menschen auf dem Marktplatz.

Die Inspiration für das Sokrates-Projekt kam von einer ähnlichen initiative in den USA – den Clemente Courses. Earl Shorris, der die Initiative 1995 ins Leben rief, hatte sich das Ziel gesetzt, „nicht mehr klassisch vortragend zu lehren, sondern nach der Sokratischen Methode das Wissen in Diskussionen gemeinsam zu erarbeiten so und die Würde der Bildung aus den Klassenzimmern herauszutragen“. Dafür erhalten die Studierenden Texte, die sie im Vorfeld lesen und die dann im Kurs besprochen werden. Allerdings geht es in den Gesprächen nicht nur um die gelesenen Inhalte allein, sondern die Teilnehmenden bringen zusätzlich ihre eigenen Lebenserfahrungen ein.

Es ist ganz anders als traditionelle Bildung, weil alle eingebunden werden und das Gefühl haben, dass die Erfahrung ihre eigene ist und das Thema sie selbst betrifft.“ (Arienn, Teilnehmerin im Pilotprojekt in Budapest)

Diesem Ansatz folgt auch das Sokrates-Projekt. Lernziel sind dabei nicht vorrangig „vermarktbare“ Kompetenzen, obwohl diese durchaus vermittelt werden. Vielmehr sollen sich die Teilnehmenden auf persönlicher Ebene selbst neu wahrnehmen und durch ihr gestärktes Selbstbewusstsein zu einer aktiveren Teilhabe an der Gesellschaft ermutigt werden. Diese Selbststärkung sollte im Sinne des Projekts das Hauptziel von Bildung sein, denn sie schafft die Chancen, von denen benachteiligte Personen bislang immer ausgeschlossen waren.

Projektgründer Lambert dazu:

„Die Kurse sollen nicht nur Menschen unterschiedlicher Altersgruppen, sondern auch verschiedener Herkunft, Sprachen und Religionen zusammenbringen. Diese Diversität schafft eine sehr kreative und produktive Diskussionsform und ermöglicht einen Perspektivwechsel. Das verändert auch, wie Menschen miteinander umgehen.“ (Zitatquelle: Zeitschrift Kulturaustausch)

Das Sokrates-Projekt in Europa

Im Jahr 2019 startete das Pilotprojekt an der Central European University in Budapest und wurde komplett auf ehrenamtlicher Basis umgesetzt, seit 2020 wird es vom Open Society University Network finanziert, dem auch das Bard College und die Central European University angehören. Seitdem die CEU nach Wien umziehen musste, finden die Kurse in Wien statt und im September 2021 kam das Projekt nun auch nach Berlin.

Die ersten Kurse in Berlin wurden in deutscher und englischer Sprache angeboten und fanden über drei Monate einmal wöchentlich abends statt. Übergreifendes Thema war der Begriff der Freiheit, der anhand von Zusammenhängen zwischen Philosophie und Politik sowie Philosophie und Literatur hinterfragt und diskutiert wurde. Dabei standen natürlich auch immer wieder aktuelle Themen und persönliche Erfahrungen im Fokus der Debatte, wodurch die Gespräche für alle bereichernd waren, nach eigener Aussage auch für die Dozent*innen. Inspirierend war darüber hinaus die Vielfalt der Teilnehmenden sowohl in Bezug auf ihre Herkunft als auch die Altersspanne von 22 bis 79.

Nach dem erfolgreichen Start geht es in Berlin nun von März bis Mai 2022 weiter mit dem zweiten Durchgang, außerdem wurde das Projekt ausgebaut. Die Kurse werden jetzt neben Deutsch und Englisch als Unterrichtssprachen auch in türkischer und arabischer Sprache angeboten.  In deutscher Sprache stehen dieses Mal drei Kurse zur Auswahl, die sich ebenfalls mit den übergreifenden Begriffen Freiheit und Gesellschaft beschäftigen:

  1. Natur und Gesellschaft in Zeiten der Klimakrise: In welchem Zusammenhang stehen Freiheit, Verantwortung und Gerechtigkeit? Wie wirkt sich dieses Verhältnis auf Themen wie Klimawandel oder Umweltgerechtigkeit aus?
  2. Leiden an der Freiheit in der modernen Gesellschaft: Wir leben in einer freien Gesellschaft, das wird oft betont. Aber kann uns diese Freiheit auch unter Druck setzen? Kann es zu viel Freiheit geben?
  3. Bildung, Befreiung, Öffentlichkeit: Bildung sollte eigentlich von persönlichen, sozialen und politischen Einschränkungen befreien und zu einer aktiven Teilhabe an der Gesellschaft und der Öffentlichkeit befähigen. Aber ist das auch Realität? Wer kann an öffentlichen Debatten teilnehmen und wer wird ausgegrenzt? Wie kommuniziert die Öffentlichkeit heute und welche Rolle spielen dabei soziale Netzwerke als Ersatz für öffentliche Räume?
Bücher auf einem Tisch
Kostenloses Kursmaterial und Bücher als Geschenk dazu, September 2021. Foto: Bard College Berlin

„Die Kurse sind für alle, die Lust haben, Neues zu lernen und sich darüber auszutauschen. Wir sind überzeugt, dass mit der richtigen Methode und Offenheit alle die Fähigkeiten haben, Texte und Positionen zu verstehen, darüber zu diskutieren und sich ein eigenes Bild zu den großen und kleinen Fragen des Lebens zu machen“, sagt Xenia Muth, Projektkoordinatorin in Berlin.

Das Motto des Sokrates-Projekts lautet „Offene Kurse für offene Köpfe“. In diesem Sinne: Alles was zur Teilnahme gebraucht wird, sind Interesse und Lust zum konstruktiven Austausch.

Zur Bewerbung | Mehr Input zu den Kursen auf Instagram


Dieser Beitrag erschien auf pressenza.com, Kooperationspartner von Unsere Zeitung.

Titelbild: Bard College Berlin

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