DAZIBAO XII: Über ein Theaterstück, das Gott sei Dank niemals aufgeführt wurde

Palast_der_Republik_Berlin_DDREs war düster in der Willy Bredel-Proletenbühne.
Eine Gestalt saß am Rand der Bühne, die Beine in den Abgrund hängend.
Am Abgrund war auch das Land, in dem sich diese Bühne befand. Im Wodkarausch sah es für den Intendanten wirklich so aus, als würde seine ganze Welt in Ost-Berlin in einen tosenden Wasserfall hinunterfallen.
Von draußen hörte er gedämpfte Rufe.
„Wir sind das Volk, wir sind das Volk.“
Diese Parole kam von den Demonstranten draußen.
Für ihn, hier im Raum, hörte es sich so an: „Wir sind alle voll, wir sind alle voll.“
Die Flasche wurde an die roten Lippen gedrückt, in dem verschwitzten, aufgedunsenen Gesicht, das so aussah, als hätte es das Ende der Revolution gesehen.

Mit der Willy Bredel-Proletenbühne war es vorbei.
Kaum war die Mauer gefallen, war auch mit ihr die rote Kampfmoral des Ensembles zerbröselt. Schauspieler, Regisseure, Bühnenarbeiter, ja sogar der Vietnamese, der die Toilette verwaltet hatte, waren verschwunden, schneller als dass man die Internationale singen konnte. Der Intendant hatte sich eine Brecht-Büste auf die Bretter gestellt, die nicht mehr seine Welt bedeuteten, damit er nicht so einsam war.
Er sollte bald nicht mehr einsam sein. Nur war die Gesellschaft, in deren Genuss er bald kommen sollte, von der Art, nach der er sich zurück in seine schnapsgetränkte Einsamkeit wünschen würde.

Die gepolsterte Tür zum Saal ging auf, etwas Helles fiel aus dem Gang hinein.
Eine Gestalt, die hektisch den Kopf bewegte, sah sich in dem Saal um. Der Intendant wusste sofort wer das war. Ein eisiger Schauer durchfuhr seine Glieder. Instinktiv packte er die Büste, die schwer war und hob sie vor sich. Ideen, die im Saufen entstehen, sind selten gut.
Das Stakkato eines hellen Lachens, das an den Nerven zog, wie unbedarfte Finger an Gitarrensaiten, kam auf ihn zu.
Der Intendant drückte seine Stirn gegen die kalte Büste und sprach das erste Mal seit seiner Kindheit ein Gebet. Das Lachen kam aber dennoch beharrlich näher und näher. Bis die physische Präsenz des Eindringlings nicht mehr zu ignorieren war.
Mit dem Leben abschließend, senkte der Intendant den Kopf vom guten Bert.

Da war Rainer. Unter seinem Arm war der unheilverkündende Aktenordner zu sehen. Sicher mit einer, das Theater revolutionierenden Idee darin. Eines musste man diesem Störenfried lassen, er war kreativ, nur auf eine Art, die niemand gebrauchen konnte. Die Willy Bredel-Proletenbühne war eigentlich mit einem progressiven Gedanken gegründet worden: Die Grenze zwischen Kulturschaffenden und Publikum aufzuheben.
Die Begriffe Profession und Amateur sollten hier nichts mehr bedeuten. Nur bereute das hinter her jeder, sobald Rainer sein erstes Manuskript eingereicht hatte.
Dann das nächste, dann trudelten die Briefe mit den „konstruktiven Kritiken“ über die theaterinternen Produktionen ein. Sein Ideenstrudel konnte von Theaterseite nicht gedämmt werden. Weil ein Vollidiot, der Intendant höchstpersönlich, in der Zeitung in den höchsten Tönen die Menschen zur Mitarbeit aufgemuntert hatte.
Unaufgefordert nahm Rainer neben den Intendanten Platz. „Ich hatte sie fast gar nicht von da hinten erkannt“, jauchzte Rainer mit einem Hinweis auf die Büste. Er stupste den Intendanten an. „Wollten Sie sich verstecken? War nur ein Scherz, ich weiß ja, sie lieben mich.“ Dann wieherte Rainer auf und ab, wie eine Sirene.

Wo waren die Erschießungskommandos Stalins, wenn man sie mal braucht?
Rainer hielt dem Intendanten den Aktenordner hin, strich über den Deckel und wurde plötzlich ernst, sehr ernst. Er begann über die Veränderungen in der DDR zu sprechen. „Ich war sehr betrübt zu erfahren, was mit diesem Theater geschehen ist. Sehr betrübt war ich. Meine aufrichtige Liebe zu diesem Stück Arbeiterkultur kennen Sie ja und was Ihr Theater in mir bewirkt hat. Ich habe immer alles gegeben, um solidarisch bei der Weiterentwicklung der Willy Bredel-Proletenbühne zu helfen.“
Leck mich am …, dachte der Intendant, verlor aber den Faden in den Alkoholdämpfen.
„Ich habe ein Musical geschrieben, ein Musical, das in den revolutionären werktätigen Massen der DDR wieder das Bewusstsein für den Klassenkampf wecken soll.“ Ich könnte ein Puppentheater auf dem Mehringdamm eröffnen, dachte der Intendant, eines, das keine Musicals aufführt.
Weiter führte er seine Gedanken nicht aus, denn er war alkoholbedingt nicht wirklich bei der Sache, er könnte den Laden hochversichern und ihn dann abfackeln. Was jetzt, das Puppentheater oder die Bühne hier. Hm, warum nicht beides?
Rainer holte tief Luft, die er auch brauchte.

„Mein Stück handelt von der Geschichte des revolutionären Paares Margot und Erich Honecker. Es wird die Geschichte erzählt, wie sie beide die DDR aufbauten, verwoben mit ihrer eigenen persönlichen Geschichte. Wie die Genossin Erziehungsministerin, den Genossen Staatsratsvorsitzenden unterstützt und er sie. Der Antagonist ist ein bürgerlicher Student aus Westberlin, Wolf, der mit seiner Gitarre Lieder spielt und der die Figur der Genossin Margot Honecker durch die Handlung folgend, mit Fragen konfrontiert. Ich will damit einen Dialog eröffnen über die Errungenschaften unseres Volkes und des kapitalistischen Auslandes.“ Jede Spur von Schnaps war aus dem Körper des Intendanten verschwunden. Der Grund war, dass ihm das von Rainer Erzählte seltsam vertraut vorkam.
„Der Fokus liegt vor allem auf der Figur der Genossin Margot Honecker. Wie sie sich zur Kommunistin entwickelt, wie sie sich gegen den Studenten ideologisch zur Wehr setzt.“
Peng, die Erkenntnis traf ihn im Rhythmus der Schläge einer sadistischen Bratpfanne ohne Taktgefühl. Der Trottel hatte die Story vom Musical Evita nochmal aufgeschrieben!
Der Rest des Wodkas verschwand in seinem Schlund.
„Als Schluss stelle ich mir vor, wie Margot Honecker auf dem Balkon des Palastes der Republik steht. Unter ihr die revolutionären Massen. Sie singt, sie singt zu dem Menschen.“
Rainer machte eine dramatische Pause. Schwaden dunkler Energie flogen Rainer zu. Der Magen des Intendanten verkrampfte sich unheilvoll. Seine Augen weiteten sich vor Angst.

„Kreischt für mich, Arbeiter der DDÄRRRR!“

Nach einem Blackout wachte der Intendant auf. Er lag auf seiner Bühne. Rainer war nicht mehr hier. Er ging in sein Büro, um noch eine Flasche zu köpfen. Als er den Wodka aus seiner Lade aufschraubte, um das Erlebte ins Vergessene hinwegzuspülen, schrammte sein Blick über das Etikett. Der Scheißtag endete beschissen. Es war eine Flasche Wodka Gorbatschow.


DAZIBAO – „Satirische Propaganda“ von Max Sternbauer:

Fotos: Palast der Republik (DDR), Westfront in den 1980er Jahren (Lutz Schramm, Lizenz: CC BY-SA 2.0); Titelbild: The End (pixabay.com; Public Domain)

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